Die Kreuzigung
Was genau bestreitet der Islam — und was nicht?
11 Min · etwas Vorwissen
Die Frage#
Dieser Punkt gilt als der schwierigste der islamischen Position, weil ihm die geschichtliche Quellenlage entgegenzustehen scheint.
Die Frage lautet deshalb zuerst: Was genau wird bestritten? Denn das ist weniger, als die meisten annehmen — auf beiden Seiten.
Die kurze Antwort#
Drei Klarstellungen, ohne die dieses Gespräch nicht zu führen ist:
- Der Islam bestreitet nicht, dass eine Kreuzigung stattgefunden hat.
- Er bestreitet nicht, dass Menschen glaubten, Jesus sei gekreuzigt worden.
- Er behauptet nicht mit Sicherheit, wer stattdessen starb.
Bestritten wird eine einzige Aussage: dass Jesus derjenige war, der getötet wurde.
Wer das nicht sauber trennt, verteidigt eine Position, die niemand vertritt — und verliert gegen Argumente, die gar nicht auf ihn zielen.
1. Was der Koran sagt#
Sure 4,157-158, Satz für Satz:
„Und wegen ihrer Worte: Wir haben den Messias, Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet — sie haben ihn nicht getötet — und sie haben ihn nicht gekreuzigt — aber es erschien ihnen so. … sondern Gott hat ihn zu sich erhoben."
Der Vers danach ist mindestens so wichtig: „Diejenigen, die darüber uneinig sind, sind im Zweifel; sie haben darüber kein Wissen, außer dass sie Mutmaßungen folgen."
2. Die Auskunft, die im Gespräch am meisten wert ist#
Sie besteht in einem Eingeständnis:
Sie: Sie werden dazu unterschiedliche Erklärungen finden. Unter den Koranauslegern gibt es keine einheitliche Aussage darüber, wer stattdessen am Kreuz war. Manche sagen der Verräter, manche Simon von Kyrene, manche ein Jünger. Wir wissen es nicht.
Das klingt nach Schwäche und ist das Gegenteil. Wer eine ausgedachte Ersatzgeschichte verteidigt, verliert sie im ersten Gegenzug. Wer sagt, was er nicht weiß, hat nichts zu verlieren — und ist genau dort glaubwürdig, wo es zählt.
Der Koran verlangt diese Genauigkeit selbst: Er sagt, was nicht geschah, und nennt keinen Ersatz. Mehr zu behaupten, heißt über den Text hinauszugehen.
3. Der eigentliche Zug: Wer ist gestorben?#
Der stärkere Weg führt nicht über die Geschichte, sondern über die Lehre der Gegenseite selbst.
Beispielgespräch
Sie: Welche Person der Dreieinigkeit ist am Kreuz gestorben? Der Christ: Der Sohn. Sie: Dann steht das gegen 1 Timotheus 6,16 — „er allein ist unsterblich". Der Christ: Gestorben ist die menschliche Natur. Sie: Naturen sterben nicht. Personen sterben.
Die Zange: Entweder ist eine göttliche Person gestorben — dann ist sie nicht unsterblich. Oder es ist keine gestorben — dann trägt das Sühnopfer nicht, denn ein bloßer Mensch könnte es nach christlicher Lehre nicht leisten.
⚑ Und die Antwort darauf ist ausgearbeitet: die Communicatio idiomatum. Die Person starb, gemäß ihrer menschlichen Natur. Damit ist die Zange nicht geschlossen, sondern geöffnet — sie führt zu „Das sagte er als Mensch, nicht als Gott“, wo es unentschieden steht.
Die stärkste Form der christlichen Antwort löst den Widerspruch nicht auf, sondern bekennt ihn: Der die Planeten aufgehängt hat, hängt am Kreuz. → 1 Timotheus 6,16
4. Was gegen Sie steht#
Seien Sie darauf vorbereitet, und geben Sie es zu, wo es zutrifft:
- Die Kreuzigung Jesu gehört zu den am besten bezeugten Ereignissen der Antike, auch außerhalb christlicher Quellen.
- Der Koran wurde rund sechshundert Jahre später offenbart. Wer nur auf die geschichtliche Bezeugung sieht, kommt hier nicht auf Ihre Seite.
Deshalb ist dies der Punkt, an dem Sie nicht mit Geschichte argumentieren sollten, sondern mit dem, was der Vers sagt und dem, was die Gegenseite über das Sterben Gottes lehrt.
Was offen bleibt#
🔍 1. Wer starb stattdessen? Ohne Antwort, und zwar bewusst.
🔍 2. Wie verhält sich die Offenbarung zur Quellenlage? Wenn ein Text sechshundert Jahre später einem breiten historischen Befund widerspricht — nach welchem Maßstab entscheidet man? Das ist dieselbe Frage wie in „Ich verstehe, weil ich glaube“, nur andersherum gestellt. Sie trifft hier die eigene Seite.
Es ist redlich, das offen zu benennen. Eine Position, die nur die Schwächen der anderen Seite sieht, überzeugt niemanden, der beide prüft.
Tiefer →#
| 1 Timotheus 6,16 · Johannes 10,18 | die Stellen |
| „Das sagte er als Mensch, nicht als Gott“ · Communicatio idiomatum | wohin die Zange führt |
| Doketismus | nicht die islamische Position — der Unterschied zählt |
| Warum kein Sühnopfer? | die Anschlussfrage |