Warum lässt Gott Leid und Armut zu?
Videonotiz 21 — Zeitmarken beziehen sich auf die Originalaufnahme.
Setting#
Kurzes, dichtes Gespräch. Der Atheist macht seine Gottesleugnung ausdrücklich an Hunger und Armut fest. Der Da'i greift nicht die Theodizee direkt, sondern zeigt, dass das Kriterium selbst unbrauchbar ist.
Argumentkette#
ARG-ENOUGH-FOR-ALL — Die Ressourcen sind da [00:28]–[00:55]#
"Wir können ja nicht mit dem moralischen Zeigefinger auf Gott zeigen und sagen: wieso lässt du das zu — wenn er uns so viel Segen gibt." "Es gibt eine Studie, die besagt, dass wir mehr als anderthalb Planeten versorgen könnten. So viel Versorgung haben wir auf der Erde. Aber wenn wir nicht in der Lage sind, sie gerecht aufzuteilen, dann ist doch nicht Gott schuld."
Vertiefung mit Afrika: "Afrika ist in Wirklichkeit das reichste Land der Welt mit all seinen Mineralstoffen, Diamanten, Gold. Wer beutet es aus? Andere Menschen. Das heißt: wir hätten theoretisch genug, um allen Menschen ein gutes Leben zu bescheren, aber wir sind nicht in der Lage dazu, obwohl Gott uns all diesen Segen gibt. Und das ist die Prüfung." [04:49]–[05:15]
Was die Prüfung inhaltlich ist [00:55]#
"Die Prüfung ist, dass ihr Menschen gerecht seid, barmherzig seid und das aufteilt." Praktisches Bild: "dass er dir einen Jack-&-Jones-Pullover gibt und einem Afrikaner, der nicht mal ein T-Shirt hat — dass wir ihm helfen, dass ein Gleichgewicht, eine soziale Kohäsion herrscht. Das ist die Prüfung, die man bestehen muss." [05:15]
ARG-EXAM-ANALOGY — Die Klausur-Analogie (Kernbild) [01:21] / [06:08]#
Einwand: "Warum greift er nicht ein und sagt: Leute, die Prüfung habt ihr verkackt?"
"Dann wäre es ja keine Prüfung mehr. Das ist dasselbe, wie wenn du bei einer Klausur bist und der Professor kommt mitten in der Klausur zu dir und sagt dir das Ergebnis." "Die Prüfungsergebnisse gibt es nach dem Tod."
Erweiterung auf die Frage, warum Gott Gewalttäter nicht vorher stoppt:
"Es macht auch keinen Sinn, dass du eine Stunde Zeit bekommst und nach 30 Minuten der Lehrer kommt, dir den Test aus der Hand nimmt und sagt: nein, du hast nicht bestanden."
ARG-TIME-FOR-REPENTANCE — Warum die Zeit läuft [00:02] / [06:08]#
Rahmenzitat des Videos:
"Bis die Prüfung zu Ende ist, hat jeder Mensch noch die Möglichkeit, zu Gott zurückzukehren, Reue zu zeigen und sich zu verbessern und zu ändern." "Jeder Mensch — auch der Rachsüchtige — hat es verdient, zumindest eine temporäre Zeit zu bekommen, in der er einsichtig wird." → Barmherzigkeitsargument: Sofortiges Eingreifen wäre für den Täter das Ende jeder Umkehrchance.
ARG-POVERTY-IS-NO-CRITERION — Der logische Hauptzug [02:13]–[04:23] / [07:27]#
Der eigentliche Kern des Gesprächs — er greift die Kriteriumslogik an, nicht das Leid:
"Wenn wir aufhören, an Gott zu glauben, wird Armut nicht aufhören zu existieren. Und wenn wir Armut zur Gänze bekämpfen, wird Gott nicht beginnen zu existieren. Das ist doch kein Kriterium." "Du hast gesagt: wenn es ihn gäbe, dann wäre Armut nicht da. Aber diese Aussage ist sinnbefreit."
Zusatzzug (Regionalitätsargument): "In Europa gibt es so gut wie keine Armut und Hungersnot — existiert Gott jetzt bei uns? … Für die, die etwas haben — existiert Gott für sie?" (Der Atheist bestreitet den Vergleich; hier bleibt es strittig.)
ARG-WISDOM-NOT-JUST-POWER [02:41]#
"Wenn du allmächtig wärst, so wie Gott es ist, dann würdest du wahrscheinlich alles anders machen. Aber wenn du auch Gottes Weisheit hättest, dann würdest du alles genau so lassen, wie es ist." (vgl. die Pixel-Analogie in Video 03: wir sehen einen Pixel, Gott das ganze Bild.)
ARG-WORLD-YOU-SEEK-IS-PARADISE [06:33]–[07:00]#
"Ich verstehe das völlig. Du suchst eine Welt ohne Krieg, mit Frieden, mit Harmonie — und die gibt es. Die gibt es aber nicht hier auf dieser Welt. Diese Welt gibt es im Jenseits, im Paradies." Atheist: "Komm nicht mit Jenseits an." → Das Gespräch bleibt an diesem Punkt stehen.
Die Rückverlagerung der eigentlichen Frage [01:47]#
"Die wichtigste Frage ist: existiert Gott? … Deswegen ist es [logisch] irrelevant, ob Hungersnot existiert." → Methodisch: Die Theodizee ist eine Folgefrage, keine Vorfrage. Erst wenn Gottes Existenz geklärt ist, wird die Frage nach seiner Gerechtigkeit sinnvoll.
Offene Punkte / Schwächen#
- Der Da'i beantwortet die starke Form der Theodizee (Leid Unschuldiger, Naturkatastrophen, Kinderleid) hier nicht — er behandelt nur die vom Menschen verursachte Verteilungsungerechtigkeit. Siehe Video 46 für die ausführlichere Fassung.
- Der Satz "In Europa gibt es so gut wie keine Armut" ist angreifbar und wird vom Atheisten zu Recht bestritten.
- Die Klausur-Analogie hat eine bekannte Schwachstelle: In einer Klausur schadet ein Prüfling den anderen nicht — im Leben schon. Die Wiki sollte diesen Einwand nennen und die islamische Antwort ergänzen (Opfer werden entschädigt, Ungerechtigkeit wird am Jüngsten Tag ausgeglichen).