Jesus & die Trinität Nachschlagewerk

Warum lässt Gott Leid zu?

Wie beantwortet der Korpus die Theodizee — und wo bleibt er die Antwort schuldig?

Der häufigste Einwand gegen den Glauben überhaupt. Der Korpus antwortet auf drei Ebenen — einer logischen, einer theologischen und einer seelsorgerlichen. Die logische ist die stärkste, die theologische die tröstlichste, und an einer entscheidenden Stelle bleibt er die Antwort schuldig.


1. Die logische Ebene: Was die Frage voraussetzt#

Die Frage ist kein Argument#

(Video 46 [05:32]) — der sauberste Zug:

"Jetzt haben Sie die Annahme getroffen, dass Gott existiert. Wenn Sie sagen: 'Warum lässt Gott Leid zu?' — dann ist das eine Annahme, dass Gott existiert."

"Die Frage allein ist ja kein Argument. Sie können nicht sagen: Gott existiert nicht, weil Übel existiert."

Leid ist kein Kriterium für Gottes Existenz#

Der logische Hauptzug (Video 21 [02:13]):

"Wenn wir aufhören, an Gott zu glauben, wird Armut nicht aufhören zu existieren. Und wenn wir Armut zur Gänze bekämpfen, wird Gott nicht beginnen zu existieren. Das ist doch kein Kriterium."

"Du hast gesagt: wenn es ihn gäbe, dann wäre Armut nicht da. Aber diese Aussage ist sinnbefreit."

Und die Rückverlagerung [01:47]:

"Die wichtigste Frage ist: existiert Gott? Deswegen ist es [an dieser Stelle] irrelevant, ob Hungersnot existiert."

Methodisch: Die Theodizee ist eine Folgefrage, keine Vorfrage. Erst wenn Gottes Existenz geklärt ist, wird die Frage nach seiner Gerechtigkeit überhaupt sinnvoll.

Und die Gegenfrage#

(Video 46 [06:00]) — der Perspektivwechsel:

"Tun wir Gott mal beiseite: Welche Antworten hat der Atheismus für das Übel und Leid auf der Erde? Es ist ja nicht so, dass Leid aufhört zu existieren, wenn wir aufhören, an Gott zu glauben."

"Ich sage Ihnen: gar keine. Der Atheismus stellt eine Frage und tut so, als sei sie ein Argument — hat aber selbst keine Antwort auf solche essentiellen Fragen."

Gegenposition: Der Atheismus muss auch keine Antwort geben. Er behauptet nicht, das Leid habe einen Sinn — er behauptet, es habe keinen. Das ist eine kohärente Position; ob sie erträglich ist, ist eine andere Frage. Das Argument ist rhetorisch stark, logisch schwach.


2. Die theologische Ebene: Warum Prüfung?#

Der Rahmen, ohne den nichts davon Sinn ergibt#

(Video 29 [04:25]) — bemerkenswert, weil er den Einwand zunächst gelten lässt:

"Wenn man davon ausgeht, wir leben hier, um die Welt zu genießen, um Spaß zu haben — wenn das das Mindset ist, dann ist es tatsächlich berechtigt, die Fragen zu stellen, die du dir gestellt hast: Warum gibt es dann Leid? Wenn das die Grundlage wäre, würde ich dir recht geben. Aber das ist es nicht."

Sure 51,56: "Und ich habe die Dschinn und die Menschen nur dazu erschaffen, damit sie Mir dienen."

"Die ganze Schöpfung ist eine Prüfung für uns. Wir sind nicht im Paradies — das ist offensichtlich — aber es gibt das Paradies."

Die Klausur-Analogie#

(Video 21 [01:21]) — auf die Frage "Warum greift Gott nicht ein?":

"Dann wäre es ja keine Prüfung mehr. Das ist dasselbe, wie wenn du bei einer Klausur bist und der Professor kommt mitten in der Klausur zu dir und sagt dir das Ergebnis."

"Die Prüfungsergebnisse gibt es nach dem Tod."

Und für die Frage, warum Gott Gewalttäter nicht vorher stoppt:

"Es macht keinen Sinn, dass du eine Stunde Zeit bekommst und nach 30 Minuten der Lehrer kommt, dir den Test aus der Hand nimmt und sagt: du hast nicht bestanden."

Daraus folgt das Barmherzigkeitsargument [06:08]:

"Bis die Prüfung zu Ende ist, hat jeder Mensch noch die Möglichkeit, zu Gott zurückzukehren, Reue zu zeigen und sich zu ändern. Jeder Mensch — auch der Rachsüchtige — hat es verdient, zumindest eine temporäre Zeit zu bekommen, in der er einsichtig wird."

Die bekannte Schwachstelle der Analogie: In einer Klausur schadet ein Prüfling den anderen nicht — im Leben schon. Die Antwort darauf liefert der Korpus im nächsten Abschnitt.

Die Absicht der Prüfung#

(Video 38 [02:43]) — die Professor-Analogie:

"Der Professor an der Uni prüft dich nicht, weil er etwas gegen dich hat. Ein Lehrer prüft dich, weil er das Beste aus dir herausholen möchte."

"Wir vergleichen Gott nicht mit einem Lehrer — aber Gott prüft uns mit Dingen, bei denen wir die Weisheit nicht unmittelbar erkennen. Er hat diese vollkommene Weisheit und will das Beste aus uns holen — und das Beste dabei ist das ewige Paradies."

Und die Zusage, die dazugehört:

Sure 2,286: "Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag." "Das heißt: Er kennt dich besser, als du dich selbst kennst. Gott würde dir keine Prüfung auferlegen, von der er weiß, dass du sie nicht schaffst."

Die theologisch stärkste Antwort: der Maẓlūm#

Der wichtigste Beitrag des Korpus zur Theodizee (Video 29 [06:34]):

"Der Prophet Muhammad erklärt: am Jüngsten Tag wird derjenige, dem Ungerechtigkeit zugefügt wurde — auf Arabisch maẓlūm — eine der mächtigsten Personen an diesem Tag sein. Sie werden besondere Macht gegenüber denjenigen haben, die ihnen Ungerechtigkeit getan haben."

Das Leid wird nicht wegerklärt, sondern kompensiert und in Macht verwandelt. Das ist etwas anderes als "es hat schon seinen Sinn" — und es beantwortet zugleich die Schwachstelle der Klausur-Analogie: Wer geschädigt wurde, geht nicht leer aus.

Dazu die Konsequenz für den Umgang mit dem eigenen Leid (Video 38 [07:30], Ṣaḥīḥ Muslim):

"Wunderbar ist die Lage eines Gläubigen: Wenn ihn etwas Gutes trifft, sagt er — das ist von Gott, ich danke Gott dafür. Und wenn ihn etwas Schlechtes trifft, bleibt er geduldig in dieser Prüfung — und auch das ist gut für ihn."

"Weil im Islam die Geduld belohnt wird. Das ist eine Win-win-Situation."

Und die Grenze der eigenen Einsicht#

(Video 21 [02:41])

"Wenn du allmächtig wärst, würdest du wahrscheinlich alles anders machen. Aber wenn du auch Gottes Weisheit hättest, dann würdest du alles genau so lassen, wie es ist."

Mit dem Bild aus Video 03 [08:14]:

"Gott hat das gesamte Bild und wir haben nur diesen einen Pixel — und aus dem Pixel ableiten zu wollen, was Gott wirklich möchte, ist zum Scheitern verurteilt."


3. Der freie Wille#

(Video 29 [14:04])

"Wir glauben, dass der Schöpfer den Menschen einen freien Willen gegeben hat. Du kannst entscheiden, mir zuzuhören. Du kannst auch entscheiden, den Becher in mein Gesicht zu werfen." "Und das beantwortet auch deinen Punkt, dass so viel Leid existiert: Es ist Ergebnis dessen, dass der Mensch nach seinem freien Willen handelt."

Und die Auflösung des Determinismus-Einwands (Video 22 [06:36]):

"Was ist, wenn Gott allmächtig ist und seinen Willen nicht auf uns aufzwingt, sondern in der Vorherbestimmung ein Element des freien Willens zulässt — damit wir auch für unsere Taten zur Rechenschaft gezogen werden? Es macht ja keinen Sinn, am Jüngsten Tag vor Gott zu stehen, wenn jeder sagen kann: du hast mich gezwungen."

Die Grenze, die die Wiki benennen muss: Der freie Wille erklärt das vom Menschen verursachte Leid. Er erklärt nicht das Naturleid — Erdbeben, Seuchen, Kinderkrebs, angeborene Krankheit. Das ist die starke Form der Theodizee, und der Korpus behandelt sie an keiner Stelle direkt.

Die nächstliegenden Antworten im Material sind ARG-MAZLUM-COMPENSATED (Kompensation) und ARG-WISDOM-NOT-JUST-POWER (Grenze der Einsicht) — beide sind Antworten, aber keine Erklärungen. → Offene Baustellen


4. Die konkrete Antwort auf Armut und Hunger#

Der Korpus behandelt die vom Menschen verursachte Ungerechtigkeit ausführlich (Video 21 [00:28], Video 46 [03:41]):

"Es gibt eine Studie, die besagt, dass wir mehr als anderthalb Planeten versorgen könnten. So viel Versorgung haben wir auf der Erde. Aber wenn wir nicht in der Lage sind, sie gerecht aufzuteilen, dann ist doch nicht Gott schuld."

"Afrika ist in Wirklichkeit [der reichste Kontinent] der Welt mit all seinen Mineralstoffen, Diamanten, Gold. Wer beutet es aus? Andere Menschen. Wir hätten theoretisch genug, um allen Menschen ein gutes Leben zu bescheren — und das ist die Prüfung."

"Die Prüfung ist, dass ihr Menschen gerecht seid, barmherzig seid und das aufteilt."

Und das konkrete Bild:

"Dass er dir einen Jack-&-Jones-Pullover gibt und einem Afrikaner, der nicht mal ein T-Shirt hat — dass wir ihm helfen, dass ein Gleichgewicht, eine soziale Kohäsion herrscht. Das ist die Prüfung, die man bestehen muss."

Nicht verwenden: Der Zusatz "In Europa gibt es so gut wie keine Armut — existiert Gott jetzt bei uns?" wird vom Atheisten zu Recht bestritten und schwächt den Punkt.


5. Und wer gar nicht geprüft werden konnte?#

Die stärkste Rückfrage im Korpus zu diesem Thema (Video 38 [04:02]) — vom Gesprächspartner gestellt: Was ist mit Menschen, die sehr früh sterben, durch Unfall oder Mord — die also gar nicht zur Prüfung kamen?

"Wir glauben, dass Kinder, bevor sie die Pubertät erreichen — also bevor sie moralisch zwischen richtig und falsch unterscheiden können — ins Paradies gehen. Geistig behinderte Menschen kommen ohne Abrechnung ins Paradies."

"Es ist nicht dieses Schwarz-Weiß. Die einzelnen Stärken und Schwächen werden von Gott in seiner vollkommenen Weisheit bei der Abrechnung in Betracht gezogen."

→ Vgl. F12 — Wer kommt ins Paradies?.


6. Die seelsorgerliche Ebene: die Sehnsucht als Hinweis#

Der eleganteste Zug des Korpus zu diesem Thema (Video 38 [04:54]) — der Einwand wird nicht abgewehrt, sondern umgedeutet:

"Das ist schön an diesem Gespräch zu erkennen: Die Fragen, die du stellst, verweisen innerlich auf eine gewisse Sehnsucht — in einer Welt leben zu wollen, wo das [Ungerechtigkeit, Zerstörung] nicht existiert."

"Und das ist auch der Fall: Wir nennen diesen Ort Paradies. Aber diese Welt ist eben als Prüfung gedacht. Also ja — es gibt diesen Ort, nach dem du dich sehnst."

Ebenso in Video 21 [06:33]:

"Ich verstehe das völlig. Du suchst eine Welt ohne Krieg, mit Frieden, mit Harmonie — und die gibt es. Die gibt es aber nicht hier auf dieser Welt. Diese Welt gibt es im Paradies."

Der Atheist dort: "Komm nicht mit Jenseits an." — Das Gespräch bleibt an diesem Punkt stehen. Auch das gehört dokumentiert: Für wen das Jenseits nicht in Frage kommt, für den ist diese Antwort keine.

Und der Rahmen, der das Diesseits einordnet (Video 11 [00:02]):

"Das Leben, das wir hier verbringen — 60, 70, 80 Jahre — ist in Wirklichkeit eine Illusion. Nicht im Sinne, dass es nicht existiert, aber es ist wie eine Art Traum. Wir glauben, dass nach dem Tod das eigentliche Leben beginnt." Mit Sure 2,156: "Wir kommen von Gott und zu ihm kehren wir zurück."


7. Die wichtige Selbstabgrenzung#

Ein Satz, der den häufigsten Vorwurf ("Religion als Wohlfühlprogramm") vorwegnimmt (Video 38 [08:59]):

"Wir sagen nicht: wir sind gläubig, weil wir ein schönes Leben führen wollen oder weil es uns bereichert. Sondern wir sagen: das ist der Sinn der Existenz."

→ Der Nutzen des Glaubens ist eine Folge, kein Grund.


8. Was der Korpus schuldig bleibt#

Frage Status
Naturleid (Erdbeben, Kinderkrebs, angeborene Krankheit) nirgends direkt behandelt — nur Kompensation (Maẓlūm) und Einsichtsgrenze (Pixel)
Tierleid nicht erwähnt
Das Ausmaß — warum so viel? nicht behandelt
Ewige Höllenstrafe für endliche Schuld nicht als Theodizee-Problem behandelt

Und ein Video, das die Theodizee ausdrücklich als Einwand aufnimmt (Video 06, Einwand 3), beantwortet sie gar nicht — das Gespräch geht zu anderen Themen über.

Offene Baustellen


Weiter#

Alle Argumente zu Moral, Heil und Jenseits A10 — Moral, Heil und Jenseits
Gibt es einen Gott? F01 — Gibt es einen Gott?
Woher kommt die Moral? F13 — Woher kommt die Moral?
Wer kommt ins Paradies? F12 — Wer kommt ins Paradies?
Gesprächspartner-Typen (Atheisten, Agnostiker) Gesprächspartner-Typen