Jesus & die Trinität Ein Lehrgang

Die Bibel als Quelle

Wenn die Bibel unzuverlässig wäre — warum wird dann durchgehend aus ihr argumentiert?

10 Min · etwas Vorwissen

Die Frage#

Dieses ganze Werk argumentiert aus der Bibel. Fast jede Seite schlägt eine Stelle auf und verlangt, dass sie ernst genommen wird.

Zugleich gilt in der islamischen Lehre, dass die heutigen Schriften nicht unverändert sind. Wie geht das zusammen?

Diese Frage wird Ihnen gestellt werden, meist früh und oft in scharfer Form. Wer sie nicht beantworten kann, verliert die Grundlage für alles Übrige.

Die kurze Antwort#

Die islamische Position ist differenzierter als die Kurzformel „die Bibel ist verfälscht".

Sie lautet: Die Schriften haben eine doppelte Natur — Gottes Wort, vermischt mit Menschenwort. Deshalb finden sich darin Spuren dessen, was Jesus tatsächlich sagte.

Und daraus folgt genau das Vorgehen dieses Werks: Man argumentiert mit den Spuren, nicht gegen das ganze Buch.


1. Die doppelte Natur#

Die Formulierung, auf die es ankommt:

Wir bestätigen die Bibel im Allgemeinen. Über die heutige Fassung sage ich: Sie hat eine doppelte Natur — Gottes Wort vermischt mit Menschenwort. Deshalb erkennen wir noch Spuren dessen, was Jesus wirklich gesagt hat.

Und ausdrücklich gegen die Pauschalablehnung:

Ich sage nicht, dass das Christentum als Ganzes falsch ist. Das wäre falsch — denn als Muslime glauben wir, dass Jesus mit der Wahrheit kam und Mose mit der Wahrheit kam.

Bemerkenswert ist auch, was zugestanden wird:

Ich stimme Ihnen zu: Manche Schreiber sind zu weit gegangen und haben Jesus Göttlichkeit zugeschrieben. Aber er selbst hat sie nie beansprucht.

2. Warum das ein starkes Vorgehen ist#

Weil Sie damit auf dem Boden Ihres Gegenübers stehen und nicht auf Ihrem eigenen.

Beispielgespräch

Der Christ: Sie glauben doch gar nicht an die Bibel. Warum zitieren Sie sie dann? Sie: Weil Sie an sie glauben. Ich argumentiere nicht aus meinem Buch gegen Ihres — ich lege Ihr eigenes auf und frage, was dort steht. Wenn ich Ihnen sage, was der Koran sagt, ist das für Sie kein Grund. Wenn ich Ihnen zeige, was Ihr eigenes Buch sagt, schon.

Das ist der Grund, warum in diesem Werk fast keine Koranstellen vorkommen. Nicht aus Geringschätzung, sondern weil sie in diesem Gespräch nichts entscheiden.

3. Was Sie damit nicht tun dürfen#

Ein Vorwurf liegt nahe, und er trifft, wenn man unvorsichtig ist:

Der Christ: Sie nehmen die Stellen, die Ihnen passen, und erklären die anderen für verfälscht. So kann man alles beweisen.

Der Vorwurf ist berechtigt, wenn Sie so vorgehen. Deshalb die Regel: Erklären Sie im Gespräch keine Stelle für verfälscht, nur weil sie Ihnen widerspricht.

Wenn Sie Johannes 1,1 nicht beantworten können, sagen Sie das → Johannes 1,1. Sagen Sie nicht, der Vers sei nachträglich eingefügt. Dafür gibt es keinen Beleg, und Sie verlieren damit das Recht, sich auf Johannes 17,3 zu berufen.

4. Die stärkste Gegenposition#

Und sie ist stärker, als sie zunächst klingt:

Der Christ: Sie setzen voraus, Offenbarung müsse Diktat sein — Wort für Wort von Gott. Das ist aber nicht die christliche Lehre. Nach ihr wirkt Gott durch Menschen, die wirklich Menschen bleiben: mit ihrer Sprache, ihrer Zeit, ihrer Sicht. Ein menschlicher Anteil ist kein Fehler, sondern vorgesehen.

Das ist dieselbe Denkform wie bei Chalcedon: ganz göttlich und ganz menschlich, ohne Widerspruch. Damit ist der Nachweis eines menschlichen Anteils kein Einwand mehr — er bestätigt die Lehre, statt sie zu widerlegen.

Wer das nicht weiß, führt Textkritik gegen eine Position, die niemand vertritt.

Was offen bleibt#

🔍 1. Die Inspirationslehre. Die Antwort in Abschnitt 4 ist in diesem Werk nicht beantwortet. Sie entzieht der gesamten Textkritik die Angriffsfläche, und es gibt hier nichts, was ihr entgegengesetzt würde.

🔍 2. Der Maßstab. Das Kriterium „ich nehme an, was mit dem Koran übereinstimmt" ist folgerichtig — für jemanden, der den Koran bereits anerkennt. Für ein Gespräch mit einem Christen ist es zirkulär. Ein Maßstab, der von außen entscheidet, fehlt. → Wie man prüft

🔍 3. Die Gegenfrage nach dem Gegenstück. Es wird eingewandt, das Gegenstück zum Koran sei nicht die Bibel, sondern Christus — das Wort Gottes sei dort eine Person, nicht ein Buch. Trifft das zu, ist der ganze Vergleich falsch angesetzt. Auch das ist unbearbeitet.

Tiefer →#

Wie man prüft die Regeln dahinter
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