„Das ist kein Widerspruch, das ist ein Geheimnis“
teilweise 7 Min · etwas Vorwissen
Der Einwand#
Er kommt, wenn das Gespräch an den Punkt kommt, an dem die Lehre logisch nicht mehr aufgeht.
Der Christ: Das ist kein Widerspruch — das ist ein Paradox. Ein Paradox ist ein scheinbarer Widerspruch, und er muss von uns nicht aufgelöst werden. Gott ist größer als unser Verstand.
Und in der schärferen Fassung:
Der Christ: Sie stellen die Logik über Gott. Ihr Gott ist an die Logik gebunden. Meiner ist ein lebendiger Gott, der die Logik selbst ist.
Warum er ernst zu nehmen ist#
Weil er in einer bestimmten Form richtig ist — und weil die falsche Form ihn nicht entkräftet.
Es gibt tatsächlich Aussagen, die widersprüchlich klingen und keine sind, nämlich dann, wenn sie in verschiedener Hinsicht gelten. „Sie ist groß und klein" ist kein Widerspruch, wenn sie groß für ihr Alter und klein für ihren Beruf ist. Wer das übergeht, argumentiert zu grob.
Und es ist auch nicht abwegig, dass die Wirklichkeit Gottes unser Fassungsvermögen übersteigt. Kein Muslim bestreitet das.
Die Antwort#
Der erste Zug: Widerspruch und Geheimnis unterscheiden.
Beispielgespräch
Sie: Ein Geheimnis ist etwas, das wahr ist und das ich nicht durchschaue. Ein Widerspruch ist etwas, das nichts bezeichnet. „Gott ist größer, als ich fassen kann" ist ein Geheimnis. „Ein Kreis mit Ecken" ist keines — dazu gibt es nichts zu verstehen, weil es nichts gibt. Der Christ: Aber Gott kann alles. Sie: Gott kann alles Mögliche. Kann er aufhören zu existieren? Könnte er das, wäre der Atheismus wahr. Ein Widerspruch ist nichts, was erschaffen werden könnte — er ist kein Ding, das Gott zu schwer wäre. Er ist überhaupt kein Ding.
Der zweite Zug — und der ist wichtig, weil er Ihr Gegenüber entlastet:
Die Aussage „Gott steht über der Logik" ist nicht die Lehre der Kirchen. Thomas von Aquin hält ausdrücklich fest, dass das in sich Widersprüchliche nicht unter die Allmacht fällt — eben weil es nichts bezeichnet.
Sie: Da sind wir näher beieinander, als Sie denken. Ihre eigene Tradition sagt dasselbe: Widersprüchliches fällt nicht unter die Allmacht, weil es gar nichts benennt.
Sagen Sie das freundlich. Es ist kein Triumph, sondern eine Korrektur, die dem Gespräch hilft — und Ihr Gegenüber wird sie meist nicht kennen.
Der dritte Zug — die Regel gegen das Umdefinieren:
Der Christ: Gott definiert Macht anders. Der Stärkste ist der, der sich am tiefsten erniedrigen kann. Sie: Das ist eine Umdefinition eines klaren Wortes. Macht bedeutet nicht Schwäche. Entweder ist jemand allmächtig, oder er hat eine Schwäche. Entweder allwissend, oder nicht.
Stand#
◐ Teilweise beantwortet.
Die Unterscheidung Widerspruch/Geheimnis trägt, und der Hinweis auf Thomas von Aquin nimmt der schärferen Fassung die Grundlage.
Was Sie damit nicht erreichen: Die brauchbare Fassung des Einwands bleibt stehen. Sie lautet: Ein Widerspruch in verschiedener Hinsicht ist keiner. Ob die Aussagen über die Dreieinigkeit wirklich verschiedene Hinsichten bezeichnen — Wesen und Person —, ist damit nicht entschieden, sondern nur zur Frage gemacht.
🔍 Offen für Recherche: Der schärfste Gegenzug an dieser Stelle lautet, dass die Logik des Endlichen nicht ohne Weiteres auf das Unendliche übertragbar sei. Als Beleg dient die Mathematik: Bei unendlichen Reihen kann das Umordnen der Summanden das Ergebnis verändern, was bei endlichen Summen unmöglich ist. Die Erwiderung „Mathematik ist abstrakt, ich rede von realen Dingen" trifft diesen Einwand nicht. Er ist offen.
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