Jesus & die Trinität Ein Lehrgang

„Er hat sich entäußert“

beantwortet 6 Min · etwas Vorwissen

Der Einwand#

Der Christ: Jesus war Gott, aber er hat auf der Erde Dinge seiner Herrlichkeit abgelegt. Paulus schreibt es in Philipper 2,7: „Er entäußerte sich." Deshalb konnte er hungern, deshalb wusste er die Stunde nicht — er hatte sich für die Zeit auf Erden eingeschränkt.

Das klingt zunächst wie eine Antwort auf Ihre ganze Eigenschaftsliste. Es ist aber die schwächste der drei Ausflüchte — und die einzige, gegen die es einen sauberen Nachweis gibt.

Warum er ernst zu nehmen ist#

Weil er einen Vers auf seiner Seite hat und weil er anschaulich ist. Ein König, der die Krone ablegt und unerkannt unter seine Untertanen geht, ist ein Bild, das jeder versteht.

Und weil er, anders als „Das sagte er als Mensch, nicht als Gott“, nicht künstlich wirkt: Er erklärt nicht, warum gewisse Sätze nicht zählen, sondern nimmt sie ernst.

Die Antwort#

Der tragende Zug — die eigene Bekenntnisschrift.

Beispielgespräch

Der Christ: Er war auf Erden ein eingeschränkter Gott. Sie: Nach dem Athanasianisches Glaubensbekenntnis sind alle drei Personen gleichrangig, gleich ewig und gleich vollkommen. In dem Moment, in dem Sie bei der zweiten Person eine Ausnahme machen, haben Sie die Dreieinigkeit aufgegeben. Sie: Und weiter: Entäußern heißt, etwas abzulegen. Nach Ihrer eigenen Lehre hat die zweite Person aber nichts abgelegt, sondern eine zweite Natur angenommen. Das ist etwas anderes.

Entweder hat er eine zweite Natur angenommen — oder er hat sich seiner Gottheit entäußert. Beides zusammen geht nicht.

Die Zange dahinter:

Sie: War er dann leer von göttlichen Eigenschaften? Dann bete ich einen Menschen an. Und wenn er nicht leer war — was genau hat er dann abgelegt? Und wie hat er als reiner Mensch diese Eigenschaften später wieder erlangt?

Was der Christ antwortet — und das ist entscheidend#

Klassisch wird Philipper 2,7 gar nicht so gelesen, wie der Einwand es voraussetzt.

Nicht als Verlust göttlicher Eigenschaften, sondern als Verzicht auf ihren Gebrauch und auf die Herrlichkeitsgestalt. Die kenotische Christologie, die einen wirklichen Verlust behauptete, entstand im 19. Jahrhundert und ist eine Minderheitsposition, die keine große Kirche vertritt.

Damit trifft Ihr bester Zug nur eine Position, die Ihr Gegenüber wahrscheinlich gar nicht vertritt. Stellen Sie deshalb zuerst diese Frage:

Sie: Hat er göttliche Eigenschaften abgelegt — oder nur auf ihren Gebrauch verzichtet?

„Abgelegt" → der Zug oben greift vollständig. „Nur den Gebrauch" → er greift nicht. Lassen Sie es dann, und gehen Sie zu „Das sagte er als Mensch, nicht als Gott“; dort steht die eigentliche Auseinandersetzung.

Ein zweiter Punkt, den Sie kennen sollten: Das Wort „Gestalt" (morphē) taucht wenige Zeilen später noch einmal auf — er nahm „Knechtsgestalt" an. Ein Sklave im Wesen war er nicht. Wer das eine wörtlich als Wesensaussage nimmt, muss das andere ebenso nehmen.

Stand#

✅ Beantwortet — mit einer wichtigen Auflage.

Der Nachweis ist dogmatisch präzise und einer der wenigen, die vollständig durchgehen. Aber er gilt nur gegen die kenotische Fassung. Wer ihn führt, ohne vorher zu fragen, welche Fassung sein Gegenüber vertritt, greift ins Leere — und wirkt, als habe er die Lehre nicht verstanden.

Fragen Sie zuerst. Dann antworten Sie.

Verwandte Einwände#

„Das sagte er als Mensch, nicht als Gott“ wohin es geht, wenn dieser Zug nicht greift
„Das ist kein Widerspruch, das ist ein Geheimnis“ „das übersteigt die Vernunft"
„Das steht schon in den ältesten Bekenntnissen“ derselbe Text, andere Frage 🔍

Verwandte Stellen: Philipper 2,6-11 · Markus 13,32 · 1 Timotheus 6,16

Tiefer: Stufe 9 — Die drei Antworten auf alles · Ist Jesus Gott? · Athanasianisches Glaubensbekenntnis