Kreuzigung Jesu – Das missverstandene Ereignis | Dialog #46
Videonotiz 39 — Zeitmarken beziehen sich auf die Originalaufnahme.
Zum Transkript: Automatische Untertitel mit vielen Hörfehlern, besonders bei arabischen Zitaten und Eigennamen. Zitate sinngemäß.
Setting#
Podiumsformat mit einem christlichen Apologeten ("Simon") und weiteren Teilnehmern. Das Video enthält die präziseste dogmatische Zuspitzung der Kreuzigungsfrage im gesamten Korpus sowie die ausführlichste Darstellung der koranischen Exegese zu Sure 4,157.
Argumentkette#
Die methodische Vorfrage [00:53]#
"Bevor wir über die Kernthematik sprechen — wie Jesus gekreuzigt wurde, wann, warum — müssen wir zuerst die Frage behandeln: Stirbt Gott überhaupt?"
ARG-WHO-DIED — Das Kern-Trilemma (das stärkste Argument des Videos) [03:07]–[09:14]#
Der Christ argumentiert: Die menschliche Natur sei gestorben.
Der Da'i schließt daraufhin alle Auswege:
Erstens — Chalcedon verbietet die Trennung:
"Wir wissen aus dem athanasianischen Glaubensbekenntnis und von Chalcedon, dass wir bei der Person Jesus die beiden Naturen — die göttliche und die menschliche — nicht trennen dürfen. Sie sind untrennbar und unvermischt." "Das heißt, wir können nicht einmal sagen: okay, wenn Jesus nicht weiß, wann der jüngste Tag ist, dann ist es seine menschliche Natur — und wenn er sagt 'ich und der Vater sind eins', ist es die göttliche. Wenn er zum Feigenbaum geht und nicht weiß, dass keine Feigen dran sind, dann ist er in diesem Moment völlig Gott und völlig Mensch."
Zweitens — Naturen sterben nicht:
"Eine Natur stirbt nicht. Personen sterben. Du würdest auch nicht — Gott bewahre, wenn jemand in deiner Familie verstirbt — sagen: wie schade, seine fröhliche Natur ist gestorben. Du würdest sagen: die Person ist gestorben."
Drittens — die entscheidende Frage:
"Wer von diesen drei Personen ist für dich gestorben in der Gottheit der Trinität? Denn die menschliche [Natur] gehört offensichtlich nicht dazu." "Wenn du darauf beharrst zu trennen und sagst, die menschliche Natur ist gestorben — dann ist KEINE der drei Personen, die ja Gott sind, für dich und für deine Sünden gestorben."
→ Das Dilemma in einem Satz: Entweder ist Gott gestorben (widerspricht 1 Tim 6,16), oder es ist niemand aus der Trinität gestorben (dann trägt das Sühnopfer nicht).
ARG-1TIM616 [02:12] / [07:31]#
"1. Timotheus 6,16: Er allein ist unsterblich, und er wohnt in einem Licht, das niemandem zugänglich ist."
Christliche Ausweichantwort im Video: Gott habe in seiner Ewigkeit keinen Körper, und wer keinen sterblichen Körper hat, kann per Definition nicht sterben. Konter: "Wir haben eine klare Demarkationslinie zwischen Gott und Mensch. Wenn jemand sagt: Gott wird Mensch — dann ist das für uns automatisch eine Disqualifizierung als Gott. Man kann nicht in einer Person Allmacht haben und Mangel an Macht, Allwissenheit und Mangel an Wissen, allgegenwärtig sein und nicht [allgegenwärtig]." [08:48]
Zur Todesdefinition (sauber geklärt): "Der Tod ist in erster Instanz die Trennung von Seele und Körper" — nicht Nicht-Existenz. "Als Muslime glauben wir, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt." [06:13]
ARG-SURA4-157-EXEGESIS — Die islamische Position, sehr differenziert [09:14]–[13:36]#
Wichtige Klarstellung vorweg:
"Wir Muslime sagen NICHT, dass die Kreuzigung nicht stattgefunden hat. Und wir sagen auch nicht, dass — wenn du live dabei gewesen wärst und gesehen hättest, wie Jesus am Kreuz ist — wir das verleugnen."
Der Vers (Sure 4,157) wird schrittweise erklärt:
"Und wegen ihrer Worte: 'Wir haben den Messias, Jesus, den Gesandten Allahs, getötet' — dann sagt Allah: wa-mā qatalūhu — sie haben ihn nicht getötet — wa-mā ṣalabūhu — und sie haben ihn nicht gekreuzigt — wa-lākin schubbiha lahum — aber es erschien ihnen so."
Die exegetische Ehrlichkeit (bemerkenswert):
"Ihr müsst euch nicht wundern, wenn ihr dazu unterschiedliche Erklärungen findet. Es gibt unter den Koranexegeten keine eindeutige Aussage, dass sie sagen: genau so war es." Genannte Deutungen: (a) der Verräter bekam die Gestalt Jesu; (b) einer der Jünger nahm freiwillig die Gestalt Jesu an. Sprachliche Feinheit: "wa-mā qatalūhu yaqīnan kann auf zwei Weisen interpretiert werden: 'sie haben ihn ganz bestimmt nicht getötet' oder 'sie sind sich nicht sicher, ob sie ihn getötet haben'." Und der Folgevers: "Diejenigen, die darüber uneinig sind, sind in großen Zweifeln; sie haben darüber kein Wissen, außer dass sie Mutmaßungen folgen."
ARG-NOT-RELEVANT-WHO — Warum der Koran es offen lässt (theologisch stark) [12:17]–[12:43]#
"Allah hätte nur einen Vers hinzufügen müssen, um die Sache klar zu machen — hat ein anderer die Gestalt angenommen, war es ein Jünger, war es der Verräter? Er hätte es klar sagen können. Aber er hat es nicht getan. Und wisst ihr, wieso? Weil es nicht relevant ist für dein Leben." "Das Wichtige ist: Allah sagt, sie haben ihn ganz gewiss nicht getötet. … Die Essenz dieser Aussage ist: Jesus ist nicht gestorben und somit auch nicht für eure Sünden gestorben — sondern ihr selbst seid für eure Sünden verantwortlich und werdet dafür zur Rechenschaft gezogen." Abschluss: "bal rafaʿahu llāhu ilayhi" — "Allah hat Jesus zu sich erhoben", ihn beschützt. Und die Verknüpfung mit der Bibel: "Das korreliert genau mit den Versen, die wir bereits zitiert haben — dass sein Gebet erhört wurde (Matthäus, Hebräer), dass die Engel ihn beschützen [Ps 91]."
ARG-TIME-IS-IRRELEVANT — Gegen "600 Jahre später" [15:49]–[16:44]#
Simons Einwand: Dutzende Berichte aus dem 1. Jahrhundert gegen eine Offenbarung 600 Jahre später, hunderte Kilometer entfernt. Antwort:
"Ein zeitliches oder geographisches Argument ist völlig irrelevant. Gott hätte auch nach 1000 Jahren eine Offenbarung bringen können, weil es sich um eine göttliche Offenbarung handelt." "Der Prophet Muhammad hat keine historische Untersuchung durchgeführt — er ist nicht zu dieser Erkenntnis gekommen, indem er Quellen verglichen hat." Und die Quellenkorrektur: "Du sagst, du hast Dutzende Berichte aus dem 1. Jahrhundert. Die einzigen Berichte, die ins Detail gehen, sind die vier Evangelien — plus Historiker wie Flavius Josephus und Cornelius Tacitus. Die Frage ist: sind die Autoren der Evangelien göttlich inspiriert?"
ARG-LAST-WORDS-CONTRADICTION — Die widersprüchlichen letzten Worte [17:39]–[18:58]#
Ein sehr wirksames Argument gegen die Zuverlässigkeit der Kreuzigungsberichte: | Evangelium | Letzte Worte Jesu | |-----------|-------------------| | Matthäus 27,46 | "Elī, Elī, lemā sabachtanī — Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" | | Lukas 23,46 | "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." | | Johannes 19,30 | "Es ist vollbracht." |
"Diese Dinge sind unvereinbar … und das bei den Synoptikern, die dieselbe Geschichte überliefern." Zusätzlich theologisch: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen — das kann nicht Jesus gewesen sein, weil wir aus den Psalmen wissen, dass Gott seine Frommen nicht verlässt." Die Schlussfolgerung: "Wenn die Autoren der Evangelien bei so heftigen Diskrepanzen ausgesetzt sind — was spricht dagegen, dass sie die Kreuzigung ebenfalls falsch überliefert haben?"
Weitere genannte Diskrepanzen: - Der Tempelvorhang zerreißt — bei den Synoptikern uneinheitlich vor/nach dem Tod. [25:06] - Jesus sagt zum Schächer: "Heute wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43) — sagt aber später zu Maria Magdalena: "Ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen … ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott" (Joh 20,17). "War er im Paradies oder war er nicht im Paradies?" [23:50] - Jüdisches Recht: "Wenn jemand Blasphemie begeht, hat er 24 Stunden Bedenkzeit — das ist bei Jesus nicht passiert, er wurde unmittelbar danach gekreuzigt." [23:22]
ARG-MT27-52-SAINTS — Die auferstandenen Heiligen (stärkstes Einzelargument) [25:33]–[27:48]#
Matthäus 27,51-53: "Die Erde bebte, die Felsen spalteten sich, die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiliger, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen." "Und Matthäus ist der Einzige, der diese Geschichte im gesamten Neuen Testament überliefert."
Die Wien-Analogie (didaktisch stark):
"Stellen wir uns vor, in Wien wird jemand am Stephansdom gekreuzigt. Direkt danach gibt es ein Erdbeben, Gebäude reißen entzwei, die Wiener Friedhöfe öffnen sich, Heilige kommen heraus, gehen in die Stadt und erscheinen vielen Menschen — und am nächsten Tag berichtet genau EINE einzige Zeitung darüber. Und dann soll ich der Vertrauenswürdigkeit dieser Person glauben?"
Und der Beleg aus christlicher Apologetik selbst:
"Und das sind nicht meine Worte: Der konservative christliche Apologet Michael Licona sagt, das sei ein 'seltsames Textfragment', eine 'Verschönerung' von Matthäus, 'Spezialeffekte'." "Wenn der Autor des Matthäusevangeliums bereit war, so etwas zu erfinden — warum sollte er nicht auch die Kreuzigung erfinden? Das nimmt die völlige Vertrauenswürdigkeit."
ARG-EXCUSED-BEFORE-QURAN — Die Heilsfrage der Zwischenzeit [28:15]#
"Die Menschen, die an Jesus als Propheten Gottes geglaubt haben, geglaubt haben, dass er der Messias ist, dass er mit dem Indschīl gekommen ist — die sind entschuldigt. Das sind nämlich Muslime. Das heißt: selbst wenn sie geglaubt haben, dass Jesus gekreuzigt wurde, sind sie Muslime und sind im Paradies."
Zur Gesprächsdisziplin [22:04]#
"Es ist ganz wichtig, dass man einen Punkt nach dem anderen abarbeitet und dass man den Gegenüber aussprechen lässt."
Bibel-/Koranstellen#
| Stelle | Verwendung | Zeit |
|---|---|---|
| 1 Tim 6,16 | Gott allein unsterblich | [02:12] |
| Sure 4,157-158 | "sie kreuzigten ihn nicht… Allah erhob ihn zu sich" | [10:06] |
| Athanasianisches Bekenntnis / Chalcedon 451 | Naturen untrennbar und unvermischt | [03:07] |
| Mt 27,46 / Lk 23,46 / Joh 19,30 | drei verschiedene letzte Worte | [17:39] |
| Mt 27,51-53 | auferstandene Heilige, nur bei Matthäus | [25:33] |
| Lk 23,43 vs. Joh 20,17 | "heute im Paradies" vs. "noch nicht hinaufgegangen" | [23:50] |
| Ps 91 / Mt 26,39 / Hebr 5,7 | erhörtes Gebet | [13:09] |
Offene Punkte / Schwächen#
- ARG-WHO-DIED ist das dogmatisch schärfste Argument des Korpus. Die christliche Standardantwort lautet: Die Person des Sohnes ist gestorben, gemäß der menschlichen Natur (communicatio idiomatum: was von einer Natur gilt, wird der Person zugesprochen). Die Wiki muss diese Antwort darstellen und die Rückfrage formulieren, ob damit nicht doch eine Trennung eingeführt wird, die Chalcedon verbietet.
- Die Berufung auf Michael Licona ist korrekt (er hält Mt 27,52-53 für ein apokalyptisches Stilmittel), sollte aber mit Quelle belegt werden; Licona zieht daraus ausdrücklich nicht die Folgerung, die Kreuzigung sei erfunden.
- Die Aussage, jüdisches Recht sehe 24 Stunden Bedenkzeit bei Blasphemie vor, ist eine mischnaische Regel (Sanhedrin), deren Geltung im 1. Jh. umstritten ist.
- Die Diskrepanz bei den letzten Worten wird christlich meist als Auswahl aus mehreren Aussagen erklärt (die "sieben letzten Worte") — auch das gehört fair in die Wiki.