Jesus & die Trinität Nachschlagewerk

Ist Jesus Gott?

Trägt der Befund des Neuen Testaments die Aussage, dass Jesus Gott ist?

Der Korpus führt diese Frage nicht über Kirchengeschichte oder Dogmenkritik, sondern über eine einfache Methode: Eigenschaften vergleichen.

Wenn Gott bestimmte Eigenschaften hat, die ihn als Gott auszeichnen — und ein Mensch diese Eigenschaften nachweislich nicht hatte — dann ist dieser Mensch nicht Gott.

Alles Weitere ist die Ausführung dieses einen Gedankens, und die Verteidigungen dagegen.


1. Die Eigenschaftsprüfung#

Die sokratische Grundform (Video 02 [03:12]):

"Schläft Gott?" — Nein. "Isst Gott?" — Nein. "Wächst Gottes Wissen?" — Nein, Gott ist perfekt.

"Aber wir sehen bei Jesus: Er hat geschlafen, er hat gegessen, er wusste bestimmte Dinge nicht. Wieso glaubst du dann noch immer, dass Jesus Gott ist?"

Die vollständige Liste#

Befund Stelle Widerspricht
schlief (im Boot am Heck) Mk 4,38 Ps 121,4: "Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht"
durchgehend Sure 5,75; Gott ist unbedürftig
hatte Hunger Mk 11,12 Bedürftigkeit
wuchs an Weisheit Lk 2,52 Allwissenheit ist nicht steigerbar
kannte die Stunde nicht Mk 13,32 / Mt 24,36 Allwissenheit
wusste nicht, ob der Feigenbaum Früchte trägt Mk 11,13 Allwissenheit
betete, bat um Verschonung Mt 26,39 Gott bittet niemanden
wurde gesehen und berührt Joh 20,27; Lk 24,42 1 Tim 6,16: "niemand hat ihn je gesehen"
starb die Passionsberichte 1 Tim 6,16: "Er allein ist unsterblich"
sagt: "ich kann von mir aus nichts tun" Joh 5,30 Allmacht
sagt: "der Vater ist größer als ich" Joh 14,28 Gleichrangigkeit

Diese Liste ist der Kern. Sie ist mit einer Bibel in zwanzig Minuten nachprüfbar.


2. Die drei schärfsten Einzelargumente#

(a) Psalm 121,4 — der Disqualifikator#

(Video 02 [17:13]) Der Aufbau ist sorgfältig: Zuerst wird abgesichert, was der Christ glaubt —

"Glaubst du, dass Jesus der Gott Israels ist?" — "Ja."

Dann der Vers:

Psalm 121,4: "Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht."

Dann der Befund: Jesus schläft im Boot (Mk 4,38).

"Deswegen kann er nicht Gott sein. Er disqualifiziert sich mit dieser Eigenschaft."

(b) 1 Timotheus 6,16 — "Er allein ist unsterblich"#

Der am häufigsten verwendete Vers des Korpus (Video 10, Video 13, Video 19, Video 39):

"Er allein ist unsterblich, er wohnt in einem unzugänglichen Licht, niemand hat ihn je gesehen und niemand kann ihn sehen."

Zwei Anwendungen: 1. Unsterblichkeit — Jesus starb → er ist nicht "der allein Unsterbliche". 2. Unsichtbarkeit — Thomas griff in seine Seite, sie aßen zusammen Fisch → Jesus wurde gesehen und berührt.

Die wirksamste rhetorische Fassung (Video 19 [02:11]) — in der Rolle des Suchenden:

"Ich bin jemand, der auf der Suche nach der Wahrheit ist … Dann komme ich zu 1. Timotheus 6,16 und lese: 'Er allein ist unsterblich.' Und jetzt tausche ich mich mit Katholiken aus, die sagen: Gott ist vor 2000 Jahren Mensch geworden und am Kreuz gestorben. Was würden Sie mir sagen?"

Gegen die Ausrede "er ist ja auferstanden":

"Auferstehen werden wir ja alle — Christen, Muslime. Das macht uns aber nicht göttlich. Wir beginnen uns im nächsten Leben nicht anzubeten, weil wir alle auferstanden sind."

Gegen die Ausrede "nur der Körper starb, nicht die Existenz":

"Das betrifft ja uns auch. Wenn du und ich sterben, sterben wir somatisch, aber existenziell sind wir weiterhin ewig. Aber hier heißt es: er ALLEIN ist unsterblich — es gibt eine Exklusivität."

(c) Johannes 17,3 — das Asymmetrie-Argument#

Der schärfste rein textbezogene Zug des ganzen Korpus (Video 10 [15:18], mehrfach wiederholt):

Joh 17,3: "Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen — und Jesus Christus, den du gesandt hast."

Der Christ versucht die Symmetrie ("man könnte auch sagen, der Sohn ist der einzig wahre Gott, gemeint ist ja das Wesen dahinter"). Die Antwort:

"Okay, so willst du eine Äquivalenz herstellen. In dem Fall müssten wir aber irgendeinen Vers finden, wo der Vater dasselbe über den Sohn sagt: 'Jesus, du bist der allein wahre Gott.' Nirgendwo im gesamten Korpus der Bibel findest du diese Aussage. Gib mir den Vers."

Der Beweis, dass "allein/einzig" wirklich exklusiv gemeint ist — geführt mit einem Vers, den jeder Christ kennt (Joh 3,16):

"So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab. Kann es neben diesem einzigen Sohn noch einen Sohn in der Trinität geben?" — Nein.

"Okay. Und wenn Jesus sagt: 'Vater, du bist der allein wahre Gott' — kann dann Jesus Gott sein?"

Die Alltagsformen desselben Arguments: - Jacken-Analogie: "Wenn du hier der Einzige bist, der diese Jacke anhat — und diese Aussage ist wahr — kann es dann noch andere geben, die dieselbe Jacke anhaben?" (Video 12) - Diakonin-Analogie: Video 23 - Manager-Analogie (die beste, weil sie die Ausweichbewegung vorwegnimmt, Video 40 [02:44]):

"Ich stelle den neuen Manager vor: 'Dieser Mann ist der einzige Manager dieses Unternehmens.' Kann es einen zweiten geben?" — "Es kann einen Stellvertreter geben." "Ich frage nicht nach einem Stellvertreter. Kann es einen zweiten Manager geben?"

Und die sprachliche Präzisierung, auf die es ankommt:

"Er sagt nicht: 'Gott ist der einzig wahre Gott' — dann hättest du einen Punkt. Aber der Vater ist definitiv nicht der Sohn."

Gegenposition: Christen lesen Joh 17,3 so, dass "der allein wahre Gott" den einen Gott gegen die Götzen der Heiden abgrenzt, nicht den Vater gegen den Sohn; und dass Jesus hier als Mensch und Gesandter spricht. Zudem stehen dagegen die Prädikationsstellen — Joh 20,28 ("Mein Herr und mein Gott"), Tit 2,13, Röm 9,5, Hebr 1,8. Alle vier werden im Korpus behandelt, siehe A5 — Die Schlüsselverse des Neuen Testaments und Die christliche Gegenposition.


3. Die drei Verteidigungslinien — und wie der Korpus sie schließt#

Wer die Eigenschaftsliste ernst nimmt, hat drei Auswege. Der Korpus geht sie alle durch.

Ausweg 1: "Das war seine menschliche Natur."#

Das ist die häufigste Antwort. Der Korpus setzt ihr drei Argumente entgegen:

(a) Personen sterben, nicht Naturen (Video 02 [18:05] — der prägnanteste Satz des ganzen Korpus):

"Eine Person schläft, nicht eine Natur. Wenn du einschläfst, sagen wir auch nicht: seine fröhliche Natur schläft. Wir sagen, die Person schläft. Und wenn wir von der zweiten Person sprechen, dann sprechen wir von Jesus als vollkommen Gott und vollkommen Mensch. Das heißt: er ist als Person eingeschlafen — mit seinen beiden Naturen."

(b) Chalcedon verbietet das Aufteilen (Video 51 [03:35], Video 39 [03:07]):

"Die hypostatische Union besagt, dass man die menschliche und die göttliche Natur Jesu nicht trennen darf. Man kann nicht bei einem Szenario sagen: das war seine menschliche Natur — und bei einem anderen: das war seine göttliche."

"Wenn er zum Feigenbaum geht und nicht weiß, dass keine Feigen dran sind, dann ist er in diesem Moment völlig Gott und völlig Mensch."

(c) Wenn der Christ selbst korrekt formuliert, dreht sich das Argument um. Die stärkste Fassung im Korpus, gegen einen katholischen Theologiestudenten, der Chalcedon richtig wiedergibt (Video 07 [15:15]):

Katholik: "Er spricht immer als ganzer Mensch und ganzer Gott. Er spricht nie nur eine Natur." — und benennt selbst die Häresie, die das Gegenteil wäre.

"Sehr gut. Genau. Aber dann sagt er hier auch als Gott: er kann von sich aus nichts tun."

Gegenposition — und sie ist die wichtigste der ganzen Wiki: Chalcedon verbietet Vermischung und Trennung der Naturen, erlaubt aber sehr wohl, Aussagen nach der jeweiligen Natur zu unterscheiden. Das ist die communicatio idiomatum: Was von einer Natur gilt, wird der Person zugesprochen. Also: "Der Sohn Gottes ist gestorben" — wahr, weil die Person starb; "gemäß seiner menschlichen Natur" — die Näherbestimmung, wie sie starb.

Die Rückfrage, die der Korpus dagegen stellt (und die die Wiki für berechtigt hält): Ist eine solche Zuordnung nach Naturen nicht faktisch doch eine Trennung? Und wenn nicht — warum gilt sie dann bei "er wusste nicht", aber nicht bei "ich und der Vater sind eins"? Hier liegt der eigentliche Streitpunkt, und er ist nicht entschieden.

Ausweg 2: "Er hat sich entäußert (Kenosis)."#

Phil 2,7: "Er entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an."

Der Korpus zeigt: Diese Antwort widerspricht dem eigenen Bekenntnis der Kirche. Der dogmatisch präziseste Nachweis des Korpus (Video 40 [30:11]):

Der Christ sagt: "Jesus ist auf der Welt ein eingeschränkter Gott … er hat Dinge seiner Herrlichkeit abgelegt."

"In dem Moment, wo du gesagt hast: 'er ist ein eingeschränkter Gott geworden', hast du die Trinität zerstört — laut athanasianischem Glaubensbekenntnis, wo alle drei Personen gleichgestellt, koexistent und gleich ewig sind. Du darfst bei der zweiten Person keine Ausnahme machen."

"Paulus sagt: er entäußerte sich. Entäußern bedeutet: bestimmte Eigenschaften ablegen. Auch das widerspricht dem athanasianischen Bekenntnis — denn dort hat die zweite Person NICHT etwas von ihrer Gottheit abgelegt, sondern sie hat eine ZWEITE NATUR ANGENOMMEN."

Das Entweder-Oder: "Entweder hat er eine zweite Natur angenommen — oder er hat sich seiner Gottheit entäußert. Diese beiden Ideen können nicht vereint werden."

Und die zweite Zange (Video 24 [05:39]):

"Also war er leer von göttlichen Eigenschaften? Er war nur Mensch? Was an ihm war dann noch göttlich?Dann bete ich einen Menschen an, leer von göttlichen Eigenschaften."

Und die schwer zu beantwortende Anschlussfrage: "Wie hat er dann als reiner Mensch, ohne göttliche Eigenschaften, diese göttlichen Eigenschaften wieder angeeignet?"

Gegenposition: Der Nachweis ist korrekt — trifft aber nur die kenotische Christologie (eine Lehre des 19. Jahrhunderts), nicht die klassische Zwei-Naturen-Lehre. Klassisch wird Phil 2,7 gerade nicht als Verlust göttlicher Eigenschaften gelesen, sondern als Verzicht auf deren Gebrauch bzw. auf die Herrlichkeitsgestalt. Der Korpus benennt das an dieser Stelle selbst korrekt.

Ausweg 3: "Gott ist so groß, dass er auch klein werden kann."#

(Video 08 [19:39]) Der Christ formuliert es rhetorisch stark:

"Warum glaubst du nicht, dass er so groß ist, dass er sogar so klein werden kann?"

"Weil er kein Widerspruch ist und keine Widersprüche erschafft."

"Ein dreieckiger Kreis ist ein Widerspruch, das kann nicht existieren. Das kann auch Gott nicht erschaffen. Gott kann alles erschaffen — aber ein Widerspruch ist nicht etwas, was erschaffen werden kann. Gott kann nicht Dinge tun, die seinem Wesen widersprechen."

Die Voraussetzung dafür ist eine saubere Definition von Allmacht (Video 28 [00:28]):

"Wenn man sagt, Allmacht ist alles tun zu können — dann können wir auch fragen: kann Gott aufhören zu existieren? Wenn er das könnte, wäre der Atheismus wahr. Was wir sagen ist: Gott kann alles Mögliche tun. Aber es ist nicht möglich, einen Widerspruch zu erschaffen."

Und das Fazit in modallogischer Form (Video 08 [37:07]):

"Kann ein pinker Elefant existieren? Ja — pink und Elefant widersprechen sich nicht. Aber es kann keine Welt geben, wo ein dreieckiger Kreis existiert. Genauso wie es keine Welt geben kann, wo ein allmächtiger, unwissender Gott existiert."

Dazu die Regel, die die "Umdefinition" abwehrt (Video 13 [20:33]): Der Christ: "Gott definiert Macht anders — der Stärkste ist der, der sich am tiefsten erniedrigen kann."

"Das sind Umdefinitionen von klaren Worten. Wir können nicht Macht umdefinieren und sagen, Macht bedeutet eigentlich Schwäche. Entweder man ist allmächtig oder man hat Schwäche. Entweder man ist allwissend oder man ist unwissend."

Gegenposition (der stärkste Zug der Gegenseite im ganzen Korpus): Der Theologiestudent in Video 08 [33:32] wendet ein, dass Logik der Endlichkeit nicht ohne Weiteres auf das Unendliche übertragbar ist: Kommutativität gilt für endliche Summen, bricht aber bei unendlichen Reihen zusammen (Riemannscher Umordnungssatz: durch Umordnung lässt sich jedes beliebige Ergebnis erzeugen). "Sobald wir als Menschen an diese Grenze kommen, verwässert alles."

Die Antwort des Da'i ("Mathematik ist abstrakt, ich spreche von realen Dingen") trifft den Einwand nicht ganz. Der Punkt bleibt offen und ist neben "Vat. II: Gottes Wort und Menschenwort" die wichtigste unbeantwortete Frage des Korpus. → Offene Baustellen


4. Das Gedankenexperiment, das ohne jede Theologie funktioniert#

"Woher weißt du, dass ich nicht dein Gott bin?" Vollständig durchgespielt in Video 30 und Video 34, kompakt in Video 24.

Antwort des Gegenübers Konter
"Weil Jesus vom Himmel kam" "Woher weißt du, dass ich nicht vom Himmel gekommen bin?"
"Du stammst von Adam und Eva ab" "Jesus hatte auch eine Mutter."
"Er wurde vom Heiligen Geist gezeugt" "Woher weißt du, dass ich nicht ohne Vater auf die Welt kam? Was ist dein Beweis?"
"Jesaja hat ihn 750 Jahre vorher prophezeit" "Woher weißt du, dass ich nicht dieser Prophet bin?"
"Er hat Knechtsgestalt angenommen (Phil 2,7)" "Woher weißt du, dass ich das nicht war?"
"Weil nur Jesus mich retten konnte" "Woher weißt du, dass ich nicht dein Erlöser war vor 2000 Jahren?"

Und dann sagt der Gesprächspartner es selbst:

"Weil du ein Mensch bist." — "Ja. Amen."

"Genau. Und genauso wie Jesus vor 2000 Jahren Mensch war: genauso wie ich nicht Gott bin, ist auch er nicht Gott. Aber du glaubst, dass er Gott ist — und betest einen Menschen an."

In Video 34 liefert der Gesprächspartner sogar beide Kriterien selbst: "Kein Mensch ist Gott. Gott ist nicht Mensch." und "Kein Mensch hat den Herrn gesehen." — worauf die Antwort lautet: "Menschen haben Jesus gesehen."

Warum dieser Zug wirkt: Er argumentiert nicht gegen die Dogmatik, sondern legt die religiöse Intuition des Gegenübers frei und zeigt, dass sie mit dem Bekenntnis nicht zusammenpasst. Für ungeschulte Gesprächspartner ist er der wirksamste Zugang überhaupt.


5. Zwei selten verwendete, aber starke Argumente#

Das Vaterunser#

(Video 80 — für den dortigen Konvertiten der ausschlaggebende Punkt)

Das zentrale Gebet des Christentums, von Jesus selbst gelehrt (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4), ist an den Vater gerichtet — nicht an Jesus. Wer betet, wie Jesus zu beten lehrte, betet zu Gott allein. Dasselbe gilt für Jesu eigenes Gebet in Gethsemane.

Verbunden mit dem Bild aus Video 45 [19:58]:

"Wenn ich Jesus sehen würde, wie er den Vater anbetet und mit dem Angesicht zu Boden geht — ich würde nicht ihn anbeten. Ich würde mit ihm den Gott anbeten, den er anbetet."

Gegenposition: Christen beten trinitarisch zum Vater durch den Sohn im Heiligen Geist; das Vaterunser passt dazu. Als Gegenstelle wird Apg 7,59 angeführt (Stephanus ruft Jesus an). Der Korpus behandelt Apg 7,59 nicht.

Das Latreuō-Argument#

(Video 13 [25:46]) — sprachlich und selten:

"Es gibt einen griechischen Begriff, der exklusiv für die Anbetung des einen wahren Gottes verwendet wird: latreuō — der an keiner Stelle für Jesus verwendet wird, aber immer für den Vater."

Abzugrenzen von proskyneō, das auch für Könige und Menschen verwendet wird.

Gegenposition, die die Wiki mitführen muss: In Offb 22,3 wird dem Thron "Gottes und des Lammes" gedient (latreusousin). Das ist die entscheidende Gegenstelle. Wer das Argument führt, muss sie kennen — sonst fällt es sofort.


6. Was Jesus nie gesagt hat#

Der zusammenfassende Zug (Video 51 [06:19], Video 50 [06:55]):

"Ich finde an keiner Stelle des Neuen Testaments — geschweige denn des Alten — eine akkurate Stelle, die keine Ambiguität zulässt, wo Jesus sagt: ich bin Gott, betet mich an."

Und die Beobachtung, die den Nerv trifft (Video 30 [13:26]). Der Gesprächspartner sagt selbst:

"Jesus muss niemandem sagen, dass er Gott ist. Du musst nur selbst darauf kommen — du siehst, was zwischen den Zeilen steht."

"Das heißt, ich brauche ein Theologiestudium, um irgendwelche Rätsel zu lösen?"

Dazu die drei Stellen, an denen die Aussage hätte fallen müssen und nicht fiel:

Situation Was Jesus stattdessen sagt Quelle
gefragt nach dem wichtigsten Gebot zitiert das Schemaʿ: "Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein Herr" Mk 12,29
angesprochen als "guter Meister" "Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein" Mk 10,18
gefragt nach dem Zeitpunkt des Gerichts "das weiß niemand, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater" Mk 13,32

→ Ausführlich: F06 — Ist die Trinität ein Widerspruch?, Abschnitt "Markus 12".

Gegenposition: Christliche Exegese argumentiert, Jesus habe seinen Anspruch in Handlungen erhoben (Sündenvergehung aus eigenem Recht, Vollmacht über den Sabbat, "Ich aber sage euch"), und Joh 8,58 / Joh 10,30 / Joh 20,28 seien deutlich genug. Alle diese Stellen werden im Korpus behandelt — siehe A5 — Die Schlüsselverse des Neuen Testaments.


7. Der 99-Namen-Test#

Die eleganteste Prüfmethode des Korpus (Video 53 [12:14]) — statt über Einzelverse zu streiten, legt sie die Gesamtheit der Gottesattribute an:

"Allah hat sehr viele Namen: der Erste, der Letzte, der Ruhmvolle, der Allumfassende, der Sachwalter … Und meine Frage ist: Passen diese Namen auf Jesus? Ist er der Erste? Ist er der Letzte?"

Antwort des Theologen: "Naja, vielleicht nicht."

Dazu die positive Gottesbeschreibung, die den Maßstab setzt (Sure 42,11):

"laysa ka-mithlihī schayʾ — nichts und niemand ist ihm gleich."

Und die Präzisierung, die verhindert, dass daraus Anthropomorphismus wird [10:03]:

"Gott ist all-barmherzig — und Menschen haben eine gewisse Barmherzigkeit. Man kann daran keine Eigenschaft teilen, man kann nur daran teilhaben."


8. Was aus dieser Frage folgt#

Wenn Jesus nicht Gott ist, folgen daraus die anderen beiden Trennlinien fast von selbst:

Deshalb ist diese Seite die Angel des ganzen Werks.


Weiter#

Alle Eigenschafts- und Christologie-Argumente A3 — Die Person Jesu: Eigenschaften, Titel, Rolle
Alle NT-Schlüsselverse mit Gegendeutungen A5 — Die Schlüsselverse des Neuen Testaments
Die Trinitätslogik F06 — Ist die Trinität ein Widerspruch?
Der Titel "Sohn Gottes" F05 — Was bedeutet 'Sohn Gottes'?
Die christliche Antwort im Zusammenhang Die christliche Gegenposition
Was hier nicht entschieden ist Offene Baustellen

Nachtrag 2026-08-25 — Videos 85, 87, 90, 91#

Zwei Präzisierungen, die eine ganze Argumentklasse treffen#

ARG-PRE-AND-POST-ETERNAL — auf "ewiges Leben setzt etwas Göttliches voraus":

"Gott ist anfangslos UND endlos. Das macht ihn aus. Wenn wir im Paradies ewig leben, sind wir dort existenziell unsterblich — das macht uns nicht zu Gott. Wären wir in der Vergangenheit UND in der Zukunft ewig — dann würde ich dir zustimmen."

ARG-SOMATIC-VS-EXISTENTIAL-IMMORTALITY — auf 1 Tim 6,16:

"Du und ich sind existenziell unsterblich, weil wir ans Jenseits glauben — aber nicht somatisch. In 1 Timotheus heißt es: Gott ist unsterblich in jeglicher Hinsicht."

Beide zerlegen einen scheinbar einfachen Begriff in zwei — und in beiden Fällen bricht das Gegenargument an der Naht. Das ist die wirksamste Technik der neuen Videos.

Die Sündlosigkeit ist kein Gottheitsbeweis mehr#

ARG-ISMA-NOT-UNIQUE: "Wir glauben, dass alle Propheten maʿṣūm sind — geschützt vor großen Sünden. Es gibt da kein Alleinstellungsmerkmal in Bezug auf Jesus." Die Sündlosigkeit wird nicht bestritten, sondern entsingularisiert. Der Schluss "sündlos, also göttlich" bricht, ohne dass man Jesus etwas abziehen muss. ⚑ Gegenposition: Nach christlicher Lehre ist sie nicht Bewahrung von außen, sondern Unmöglichkeit zu sündigen.

Markus 13,32 ist neu entschieden#

Der beste exegetische Zug der neuen Videos — ARG-JOHN16-12-CONTRAST:

"Er hat nicht gesagt ich werde es später sagen, und nicht ihr seid noch nicht bereit. An anderer Stelle sagt er genau das (Joh 16,12). Wenn er das dort macht, hier aber sagt 'der Sohn weiß es nicht' — dann hätte er es sagen können und hat es nicht gesagt."

Dazu die Wortprobe: oudeis schließt alle Geschöpfe aus, steigert ("die Engel nicht, der Sohn nicht") und schließt genau eine Person ein: den Vater allein. Und der Mose-Vergleich: Auch Mose berichtete über den Jüngsten Tag und kannte den Zeitpunkt nicht — "von Mose behauptest du das nicht."

Die schönste Fassung des Kernarguments#

"Wenn ich Jesus im Gebet von Getsemani sähe — wie er die Jünger verlässt, ein paar Schritte vorgeht und mit dem Angesicht zu Boden betet, wie wir Muslime — dann würde ich als Nachfolger Jesu nicht hinter ihm stehen und IHN anbeten, sondern MIT ihm den anbeten, den er anbetet. Das würde ich wirkliche Nachfolge Jesu nennen."

Das Argument ist hier nicht gegen Jesus, sondern für seine Nachfolge formuliert. Für ein Gespräch ist das der entscheidende Unterschied.

Was die Gegenseite antwortet — und es ist mehr als bisher#

  • "Wenn Gott Mensch wird, wird Gott nicht auf einmal zum Atheisten" — die drei Personen seien ewig in Kommunikation; das Gebet des Sohnes drücke diese Liebe nach der Menschwerdung aus.
  • Kyrill von Alexandrien: der die Planeten aufhängte, hängt am Kreuz; der unsterbliche Gott leidet. Eine Antwort, die das Paradox nicht auflöst, sondern bekennt. Die Erwiderung trifft genau das: "Du kannst nicht unsterblich sein und dann entscheiden, sterblich zu werden."
  • ARG-ANALOGIA-ENTIS (Thomas von Aquin): Vater- und Sohnschaft seien weder adoptiv noch metaphorisch noch biologisch, sondern analog — und die Analogie laufe von Gott herab, nicht vom Menschen hinauf. Die Rückfrage bleibt: Eine vierte Kategorie, die nicht benannt werden kann, ist von einem Mysterium nicht unterscheidbar. → alles in Die christliche Gegenposition

Ein Argument, das der Korpus führt, aber nicht empfiehlt#

Die Folgerung aus der Zwei-Naturen-Lehre auf sexuelles Begehren Jesu trifft die dogmatische Fassung nicht (die Tradition unterscheidet natürliche Begehrungskraft von concupiscentia; Hebr 4,15) und verliert nach R5 den Gesprächspartner. Die sachliche Frage — wie weit reicht "ganz Mensch"? — lässt sich mit Hunger, Schlaf und Mk 13,32 vollständig stellen.Schwache Argumente — nicht verwenden