Wurde Jesus gekreuzigt?
Was genau bestreitet der Islam an der Kreuzigung — und mit welchen Gründen?
Diese Frage wird oft als der schwierigste Punkt der islamischen Position gehandelt — gegen die historische Quellenlage. Der Korpus geht damit differenzierter um, als meist angenommen.
Drei Klarstellungen vorweg — sie stehen so im Material:
- Der Islam bestreitet nicht, dass eine Kreuzigung stattfand.
- Er bestreitet nicht, dass Menschen glaubten, Jesus sei gekreuzigt worden.
- Er sagt nicht mit Sicherheit, wer stattdessen starb.
1. Was der Koran sagt#
Sure 4,157-158, schrittweise erklärt in Video 39 [09:14]:
"Und wegen ihrer Worte: 'Wir haben den Messias, Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Allahs, getötet' — wa-mā qatalūhu — sie haben ihn nicht getötet — wa-mā ṣalabūhu — und sie haben ihn nicht gekreuzigt — wa-lākin schubbiha lahum — aber es erschien ihnen so. … bal rafaʿahu llāhu ilayhi — sondern Allah hat ihn zu sich erhoben."
Und der Folgevers: "Diejenigen, die darüber uneinig sind, sind im Zweifel; sie haben darüber kein Wissen, außer dass sie Mutmaßungen folgen."
Die exegetische Ehrlichkeit#
Bemerkenswert und für die Glaubwürdigkeit entscheidend (Video 39 [09:14]):
"Ihr müsst euch nicht wundern, wenn ihr dazu unterschiedliche Erklärungen findet. Es gibt unter den Koranexegeten keine eindeutige Aussage, dass sie sagen: genau so war es."
Die genannten Deutungen: (a) der Verräter bekam Jesu Gestalt; (b) ein Jünger nahm sie freiwillig an; und in Video 13 [07:26] auch (c) Simon von Kyrene, der Kreuzträger.
"Wir sind agnostisch darüber. Manche Gelehrte sagen Judas, andere Simon von Kyrene, andere einen Jünger. Wir wissen es nicht."
Sogar der Wortlaut wird als mehrdeutig benannt: wa-mā qatalūhu yaqīnan kann heißen "sie haben ihn ganz bestimmt nicht getötet" oder "sie sind sich nicht sicher, ob sie ihn getötet haben".
Warum der Koran es offen lässt#
Der theologisch stärkste Zug dieser Passage (Video 39 [12:17]):
"Allah hätte nur einen Vers hinzufügen müssen, um die Sache klar zu machen. Er hätte es klar sagen können. Aber er hat es nicht getan. Und wisst ihr, wieso? Weil es nicht relevant ist für dein Leben."
"Die Essenz ist: Jesus ist nicht gestorben und somit auch nicht für eure Sünden gestorben — sondern ihr selbst seid für eure Sünden verantwortlich."
→ Damit ist die eigentliche Streitfrage benannt. Es geht nicht um Ereignisgeschichte, sondern um Soteriologie: Nicht ob jemand am Kreuz starb, sondern ob dieser Tod irgendjemandes Sünden wegnimmt. → F08 — Warum braucht es kein Sühnopfer?
2. Der methodische Rahmen: Geschichte gegen Offenbarung#
Die klarste Formulierung im Korpus (Video 15 [10:33]):
"Der Koran verneint nicht, dass es in der Geschichte Menschen gab, die dokumentiert haben, dass Jesus gekreuzigt wurde. Es gab offensichtlich Menschen — Tacitus, Flavius Josephus — die das geglaubt haben. Was der Koran sagt ist: diese Menschen wurden getäuscht."
"Deswegen ist die Frage nicht: wurde Jesus gekreuzigt oder nicht? Die Frage ist: ist der Islam wahr? Wenn der Koran wahr ist, dann ist dieses Ereignis dadurch enthüllt worden."
Das ist die redlichste Position im ganzen Korpus und sollte jedes Gespräch über die Kreuzigung rahmen: Die Kreuzigungsfrage ist nachgeordnet, nicht primär. Wer sie zuerst verhandelt, verhandelt am eigentlichen Streit vorbei.
Und gegen den Zeit-Einwand ("600 Jahre später, hunderte Kilometer entfernt") (Video 39 [15:49]):
"Ein zeitliches oder geographisches Argument ist irrelevant. Gott hätte auch nach 1000 Jahren eine Offenbarung bringen können, weil es sich um eine göttliche Offenbarung handelt. Der Prophet Muhammad hat keine historische Untersuchung durchgeführt."
Mit dem Vergleich: "Jesus kam 1500 Jahre nach Moses. Ist das jetzt ein Problem, weil er später kommt?"
3. "Aber Gott täuscht doch nicht!" — 2 Thessalonicher 2,11#
Der originellste Fund des ganzen Korpus (Video 27 [10:33]).
Der Prediger fragt: "Wen hat denn Gott dann getäuscht? Gott täuscht nicht!"
Die Antwort greift zur Bibel:
"2. Thessalonicher 2,11: 'Und darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, dass sie der Lüge glauben.' Da wird im Griechischen der Begriff energeia verwendet. Das heißt: Gott täuscht."
"Wer ist der ultimative Handelnde, der diese Macht der Verführung sendet?"
"Wen hat Gott bei der Kreuzigung getäuscht? Er hat die getäuscht, die sowieso wollten, dass er gekreuzigt wird — Pontius Pilatus, die Römer, die Pharisäer. Das war eine Bestrafung."
Der Prediger weicht aus ("Gott lässt zu", "das ist der Satan"), der Da'i besteht auf dem Wortlaut: "Wer sendet es? Wenn ich etwas sende, bin ich der Handelnde."
Verwandte Koranstelle: Sure 3,54 — "wa-makarū wa-makara llāh, wa-llāhu chayru l-mākirīn" — "Sie schmiedeten Pläne, und Allah schmiedete Pläne; und Allah ist der beste der Planenden."
⚑ Gegenposition: Die christliche Standardlesart von 2 Thess 2,11 ist die permissive: Gott überlässt die Verstockten ihrer eigenen Wahl — dieselbe Figur wie in Röm 1,24-28 ("Gott gab sie dahin"). Die Debatte dreht sich um Aktiv vs. Zulassung.
⚠ Und hier eine Inkonsistenz, die die Wiki benennen muss: Bei 2 Sam 24,1 / 1 Chr 21,1 (dort reizt einmal Gott, einmal Satan David zur Volkszählung) verwendet der Korpus diesen Widerspruch als Argument gegen die Bibel (Video 63) — lehnt also die permissive Lesart ab, die dort dieselbe Spannung auflösen würde. Bei 2 Thess 2,11 besteht er auf der aktiven Lesart. Man kann nicht beides haben. → Offene Baustellen
4. Psalm 91 und Matthäus 4 — der bewahrte Messias#
Die längste Argumentkette des Korpus, in vier Videos entwickelt (Video 10, Video 13, Video 32 — dort am ausführlichsten).
Schritt 1 — der Psalm. Der Gesprächspartner liest ihn selbst vor:
"Tausend fallen an deiner Seite, Zehntausend an deiner Rechten — dich erreicht es nicht. … Denn er bietet seine Engel für dich auf, dich zu bewahren auf all deinen Wegen. Auf Händen tragen sie dich, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt. … Er ruft mich an, und ich antworte ihm; ich bin bei ihm in der Not, ich befreie ihn."
Schritt 2 — die Versuchung (Mt 4,5-7). Der Teufel stellt Jesus auf die Zinne des Tempels und zitiert genau diesen Psalm.
Schritt 3 — Jesu Antwort. Und hier liegt die Pointe:
"Was antwortet Jesus? 'Wiederum steht geschrieben: du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.' Er sagt NICHT: Satan, du lügst. Er sagt: es steht AUCH geschrieben."
"Was bedeutet 'auch'? Wenn ich sage, in diesem Buch steht das, und du sagst: ja, es steht aber auch — heißt das, dass ich gelogen habe? Nein."
"Das heißt: Jesus bestätigt, dass Psalm 91 eine messianische Prophezeiung ist — dass dem Messias kein Leid zugefügt wird, dass er Gott bitten wird und Gott ihn erretten wird."
Schritt 4 — der Anschluss an Gethsemane. Jesus betet: "Vater, gehe dieser Kelch an mir vorüber" (Mt 26,39). Ein prophetisches Bittgebet wird nach islamischer Lehre immer erhört.
"Der Kelch ist an ihm vorbeigegangen." — Video 07 [07:05]
Als Stütze wird Hebr 5,7 angeführt: Jesus "wurde erhört".
⚑ Zwei ernstzunehmende Gegenpositionen:
(a) Jesus zitiert Dtn 6,16 gerade, um den Missbrauch der Verheißung zurückzuweisen — er bestätigt damit nicht ihre wörtliche Anwendung auf einen bewahrten Messias, sondern lehnt es ab, Gottes Zusage zu erzwingen. Das ist der stärkste Einwand gegen dieses Argument und wird im Korpus nicht behandelt.
(b) In Gethsemane sagt Jesus selbst, er könne "zwölf Legionen Engel" rufen (Mt 26,53) — und tut es bewusst nicht. Psalm 91 wird also freiwillig nicht in Anspruch genommen.
Der Korpus antwortet auf (b) mit einer hermeneutischen Regel (siehe F02 — Wie erkenne ich, was wahr ist?, P7: wörtlich vor übertragen), aber der Punkt bleibt strittig.
5. Die dogmatische Zange: Wer genau ist gestorben?#
Das schärfste Argument des Korpus zu dieser Frage (Video 39 [03:07]).
Der Christ sagt: "Die menschliche Natur ist gestorben."
Der Da'i schließt alle drei Auswege:
Erstens — Chalcedon verbietet die Trennung:
"Wir wissen aus dem athanasianischen Glaubensbekenntnis und von Chalcedon, dass wir die beiden Naturen nicht trennen dürfen. Sie sind untrennbar und unvermischt."
Zweitens — Naturen sterben nicht:
"Eine Natur stirbt nicht. Personen sterben. Du würdest auch nicht sagen: wie schade, seine fröhliche Natur ist gestorben. Du würdest sagen: die Person ist gestorben."
Drittens — die entscheidende Frage:
"Wer von diesen drei Personen ist für dich gestorben in der Gottheit der Trinität? Denn die menschliche [Natur] gehört offensichtlich nicht dazu."
"Wenn du darauf beharrst zu trennen und sagst, die menschliche Natur ist gestorben — dann ist KEINE der drei Personen, die ja Gott sind, für deine Sünden gestorben."
Das Dilemma in einem Satz:
Entweder Gott ist gestorben (widerspricht 1 Tim 6,16) — oder niemand aus der Trinität ist gestorben (dann trägt das Sühnopfer nicht).
⚑ Gegenposition: Die klassische Antwort lautet: Die Person des Sohnes ist gestorben, gemäß ihrer menschlichen Natur. Das ist die communicatio idiomatum — was von einer Natur gilt, wird der Person zugesprochen. "Gott hat am Kreuz gelitten" ist deshalb ein wahrer Satz (so schon Cyrill von Alexandrien), ohne dass die göttliche Natur leidensfähig wäre.
Die Rückfrage, die die Wiki für berechtigt hält: Ist diese Zuordnung nach Naturen nicht faktisch doch die Trennung, die Chalcedon verbietet? Und wenn sie erlaubt ist — warum gilt sie dann nicht ebenso bei "er wusste die Stunde nicht"? Dieser Punkt ist nicht entschieden.
6. Der Schrei am Kreuz#
(Video 79 [02:43])
"Wir wissen von der Bibel selber, dass Jesus am Kreuz gesagt hat: Eli, Eli, lema sabachthani — 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' [Mt 27,46] Das heißt, er war nicht mal mit der Entscheidung zufrieden. Gott hat ihn gezwungen. Das ist sehr, sehr widersprüchlich."
Die Pointe: Der Kreuzestod gilt christlich als freiwilliges Selbstopfer. Der Schrei am Kreuz ist aber der Schrei eines Verlassenen. Wer freiwillig gibt, fragt nicht, warum man ihn verlassen hat.
⚑ Gegenposition: Jesus zitiert hier Psalm 22,2 — einen Psalm, der als Klage beginnt und als Triumphlied endet ("Denn er hat nicht verachtet das Elend des Armen … Alle Enden der Erde werden sich bekehren", Ps 22,25.28). Wer die erste Zeile eines bekannten Psalms zitiert, ruft den ganzen Psalm auf.
Die islamische Erwiderung darauf (im Korpus nicht ausgeführt, aber naheliegend): Auch ein Zitat wird als Zitat gewählt — und zwar dieses, weil es die Lage ausdrückt.
Zusätzlicher theologischer Einwand (Video 39 [17:39]):
"Das kann nicht Jesus gewesen sein, weil wir aus den Psalmen wissen, dass Gott seine Frommen nicht verlässt."
7. Die Kreuzigungsberichte selbst#
Der Korpus greift die Quellenlage textkritisch an — mit einem sehr starken und mehreren mittelstarken Argumenten.
Die drei verschiedenen letzten Worte#
(Video 39 [17:39])
| Evangelium | Letzte Worte |
|---|---|
| Mt 27,46 | "Eli, Eli, lema sabachthani" |
| Lk 23,46 | "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" |
| Joh 19,30 | "Es ist vollbracht" |
"Wenn die Autoren der Evangelien bei so heftigen Diskrepanzen ausgesetzt sind — was spricht dagegen, dass sie die Kreuzigung ebenfalls falsch überliefert haben?"
⚑ Gegenposition: Christlich werden das die "sieben letzten Worte" genannt — jeder Evangelist wählt aus; Auswahl ist kein Widerspruch. Dieses Argument ist daher nur mittelstark ().
Die auferstandenen Heiligen — Matthäus 27,52-53#
Das stärkste Einzelargument dieses Abschnitts ([25:33]):
Mt 27,51-53: "Die Erde bebte, die Felsen spalteten sich, die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiliger, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen."
"Und Matthäus ist der Einzige, der diese Geschichte im gesamten Neuen Testament überliefert."
Die Wien-Analogie:
"Stellen wir uns vor, in Wien wird jemand am Stephansdom gekreuzigt. Direkt danach gibt es ein Erdbeben, die Wiener Friedhöfe öffnen sich, Heilige kommen heraus, gehen in die Stadt und erscheinen vielen Menschen — und am nächsten Tag berichtet genau EINE einzige Zeitung darüber."
Und der Beleg aus der christlichen Apologetik selbst:
"Das sind nicht meine Worte: Der konservative christliche Apologet Michael Licona nennt das ein 'seltsames Textfragment', eine 'Verschönerung' von Matthäus, 'Spezialeffekte'."
(Zutreffend: Licona hält Mt 27,52-53 für ein apokalyptisches Stilmittel. Er zieht daraus ausdrücklich nicht die Folgerung, die Kreuzigung sei erfunden — das muss dazugesagt werden, sonst ist die Berufung unredlich.)
Weitere Diskrepanzen#
| Befund | Stellen |
|---|---|
| "Heute wirst du mit mir im Paradies sein" — aber später: "Ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen" | Lk 23,43 vs. Joh 20,17 |
| Alle Jünger flohen — aber Johannes stand am Kreuz | Mt 26,56 vs. Joh 19,26 |
| Der Tempelvorhang zerreißt vor/nach dem Tod | Synoptiker uneinheitlich |
Und daraus (Video 27 [12:20]):
"Die Jünger waren gar nicht anwesend während der Kreuzigung, weil alle geflohen sind."
8. Jesaja 53 — ist es überhaupt eine Kreuzigungsprophetie?#
Der Korpus bestreitet, dass Jes 53 auf Jesus zielt — mit drei Argumenten, von denen zwei tragfähig sind.
(a) Das philologische — das stärkste (Video 10 [05:19], Video 13 [11:22]):
"Jesaja 53,10 heißt es: 'Er wird Nachkommen sehen und lange leben.' Hatte Jesus Nachkommen? Der hebräische Begriff ist zeraʿ, und zeraʿ verweist im gesamten Alten Testament auf biologische Nachkommen."
Dazu: "lange leben" — "Gott lebt nicht lange, Gott ist ewig."
Christlicher Gegenzug: Nachkommenschaft sei geistlich gemeint (Joh 12,24: Weizenkorn; Hebr 2,13). (Ergänzung: Das ist exegetisch vertretbar; zeraʿ wird an einigen Stellen auch übertragen verwendet, z. B. Jes 57,4 "Same der Lüge". Die Wiki sollte das Argument daher als stark, aber nicht zwingend führen.)
(b) Das rezeptionsgeschichtliche — vom Christen im Video ausdrücklich bestätigt:
"Haben die Juden vor dem Kommen Jesu geglaubt, dass Jesaja 53 der Messias ist? Es gibt keinen Juden, der das geglaubt hat." — Christ: "Das ist richtig."
"Wenn sie das nie geglaubt haben und erst als Jesus kam, Jesaja 53 retrospektiv auf Jesus projizieren, dann funktioniert das nicht."
(c) Das kontextuelle (Video 07 [18:15]):
"Jesaja 49 sagt ganz klar, dass der leidende Knecht das Volk Israel ist … die Kapitel davor und danach sprechen alle vom Volk Israel. Dann macht es für mich keinen Sinn, genau bei 53 eine Ausnahme zu machen."
(Präzisierung für die Wiki: Die Behauptung "kein Jude in tausenden Jahren" ist zu absolut. Die dominante jüdische Deutung (Raschi) ist Israel, aber es gibt auch mittelalterliche messianische Deutungen. In dieser abgeschwächten Form ist das Argument haltbar.)
Was der Korpus stattdessen als messianische Prophetie anbietet: Psalm 91 — der bewahrte, nicht der getötete Messias (siehe oben, Abschnitt 4).
9. Das theologische Argument, das ohne Textkritik auskommt#
Der eindrücklichste Zug — weil der Gesprächspartner ihn selbst formuliert (Video 79 [01:50]):
"Liebt Gott Jesus?" — "Gute Frage. Ja." "Würde Gott seinen Propheten kreuzigen lassen, ihm diesen Schmerz zufügen lassen?"
Der Katholik von selbst: "Wenn man sagt, Gott ist der Vater von Jesus … dann würde ich als Familienvater sagen: Mein Sohn — ich würde das nie zulassen, dass ihm so etwas passiert."
"Wir Menschen begehen die Sünde. Und Sie müssten Ihren Sohn kreuzigen. Würden Sie das tun? Warum sollte Gott das mit Jesus tun?"
Sein Einwand: "Wenn mein Sohn ein Schwerverbrecher wäre …"
Der Konter: "Gott hat diese Menschen ausgewählt. Er hat an ihnen etwas erkannt — bei Jesus diesen Charakter, diese schönen moralischen Werte. Er hat ihn auserwählt. Und dann kreuzigt er ihn? Immer dieses Paradox."
→ Der Sohn, der geopfert wird, ist gerade der Erwählte — nicht der Schuldige.
⚑ Gegenposition — sie fehlt im Korpus und ist wichtig: In der christlichen Lehre ermöglicht gerade die Unschuld des Opfers die Stellvertretung. Wer das Argument führt, ohne diese Antwort zu kennen, wirkt gegenüber einem informierten Christen naiv.
10. Was daraus folgt#
| Wenn … | dann … |
|---|---|
| die Kreuzigung nicht stattfand | fällt das Sühnopfer → F08 — Warum braucht es kein Sühnopfer? |
| Gott nicht sterben kann | fällt die Gottheit Jesu → F04 — Ist Jesus Gott? |
| die Evangelien hier irren können | stellt sich die Schriftfrage → F09 — Ist die Bibel Gottes Wort? |
Und die Heilsfrage für die, die es anders glaubten (Video 39 [28:15]):
"Die Menschen, die an Jesus als Propheten Gottes geglaubt haben, dass er der Messias ist, dass er mit dem Indschīl gekommen ist — die sind entschuldigt. Selbst wenn sie geglaubt haben, dass Jesus gekreuzigt wurde, sind sie Muslime und sind im Paradies."
→ F12 — Wer kommt ins Paradies?
Weiter#
| Alle Kreuzigungsargumente | A6 — Kreuzigung |
| Warum kein Sühnopfer nötig ist | F08 — Warum braucht es kein Sühnopfer? |
| Schriftkritische Argumente | A8 — Schriftkritik: Bibel, Kanon, Paulus |
| Die christliche Sicht | Die christliche Gegenposition |
| Unentschiedene Punkte | Offene Baustellen |
Nachtrag 2026-08-25 — Videos 87, 91#
Diese Seite hat durch die neuen Videos mehr verloren als gewonnen. Das gehört nach R3 offen festgehalten.
Was wegfällt#
Die "Trallianer" und "Philadelphianer". In Video 91 [1:35:25] werden sie als frühchristliche Gruppen angeführt, die die Kreuzigung geleugnet hätten — "eins zu eins die Position des islamischen Narrativs". Der christliche Gesprächspartner widerlegt es, und er hat recht: Ignatius' Briefe gehen an die Gemeinden in den Städten Tralleis und Philadelphia, und er warnt sie vor Doketisten von außen.
Und der Doketismus ist inhaltlich das Gegenteil der islamischen Position: Er leugnet die Kreuzigung, weil Jesus ganz Gott und darum nicht wirklich Mensch sei.
Was übrig bleibt und tragfähig ist: Die Basilidianer hielten nach Irenäus Simon von Kyrene für den Gekreuzigten. Eine Nicht-Kreuzigungs-Lesart existierte im 2. Jahrhundert. Mehr behauptet der Da'i in seiner eigenen Präzisierung auch nicht: "Die einzige Aussage, die ich getätigt habe, ist, dass die islamische Position in den ersten 200 Jahren vorhanden ist und keine außerirdische Ansicht ist."
⚠ Und der Selbstwiderspruch, den man kennen muss: Im selben Video wird argumentiert, Häresiologen wie Epiphanius seien unzuverlässig — ein für sich richtiges Argument (Nag Hammadi hat gezeigt, wie stark sie übertrieben). Dann darf man sich aber auch nicht auf Irenäus als einzige Quelle über die Basilidianer berufen. Die beiden Argumente dürfen nicht zusammen geführt werden.
Was hinzukommt — auf der Gegenseite#
ARG-PRE-PAULINE-CREEDS ist die wichtigste Ergänzung dieser Seite und unbeantwortet:
Der Christushymnus (Phil 2,6-11) und 1 Kor 15,3-5 ("was ich empfangen habe, das habe ich euch weitergegeben") gingen auf die ersten Jahre nach der Kreuzigung zurück und seien mündlich im Gottesdienst tradiert worden. "Das ist genau eine Münze, die mindestens genauso stark ist" wie die Ḥuffāẓ-Tradition.
→ Das setzt der Handschriftenkritik nicht mehr Handschriften entgegen, sondern eine ältere Überlieferungsschicht — mit demselben Argumenttyp, den die muslimische Seite für den Koran verwendet. Der Da'i sagt selbst, die Information sei ihm neu. → Offene Baustellen
Was schärfer geworden ist#
ARG-SOMATIC-VS-EXISTENTIAL-IMMORTALITY zu 1 Tim 6,16: "Du und ich sind existenziell unsterblich, weil wir ans Jenseits glauben — aber nicht somatisch. In 1 Timotheus heißt es: Gott ist unsterblich in jeglicher Hinsicht. Er war nicht inexistent — aber der Tod hat ihn gekostet."
ARG-CRITERION-SYMMETRY — die Technik, die Argumentform des Gegenübers zurückzugeben: "Du hast gesagt, Allah stelle in Sure 69 ein Kriterium auf und Mohammed erfülle es. Hier heißt es: Gott allein ist unsterblich — und zugleich sagst du, Jesus musste sterben."
ARG-JOSEPHUS-REPORTS-ONLY — Josephus schreibe ho legomenos Christos, "der sogenannte Christus": Er berichtet, was überliefert wird, er bestätigt es nicht. ⚠ Zwei Korrekturen: Die Wendung steht in Antiquitates XX,9,1, nicht im umstrittenen Testimonium Flavianum. Und Josephus ist nicht zum Heidentum konvertiert.
Die Täuschungsfrage — beidseitig offen#
Der Christ: Sure 4,157 mache Gott zum Täuschenden — theologisch problematisch. Der Da'i: "Gott sagt nicht: ich habe es ihnen erscheinen lassen. Es heißt: es erschien ihnen so. Wem? Denen, die ohnehin wollten, dass er gekreuzigt wird." Dazu 2 Thess 2,11 und Mt 26,56 — die Jünger waren geflohen und wurden nicht getäuscht. Beide Repliken bleiben unbeantwortet.
Neu ist die Heilsfrage mit gelehrter Grundlage (Ibn Taymiyya und seine Schule): Wer zur Zeit Jesu lebte, ihn als Propheten und Messias anerkannte, dann aber der verbreiteten Kreuzigungsnachricht glaubte, ist am Jüngsten Tag entschuldigt — Sure 2,286.
Für die Praxis#
Die tragfähigen Kreuzigungsargumente des Korpus sind von alldem unberührt: Sure 4,157 in seiner differenzierten Auslegung, ARG-WHO-DIED (das Wer-ist-gestorben-Trilemma), ARG-LAST-WORDS-CONTRADICTION, ARG-MT27-52-SAINTS. Wer diese führt, braucht die frühchristlichen Gruppen nicht — und riskiert nicht, an einem widerlegbaren Detail einen ganzen Abschnitt zu verlieren.