Johannes 20,28
Joh 20,28
teilweise 6 Min · etwas Vorwissen
Der Vers#
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
— Johannes 20,28
Worum es geht#
Das ist die zweitstärkste Stelle der christlichen Seite — gleich hinter Johannes 1,1. Und sie hat etwas, was Joh 1,1 nicht hat: Hier redet jemand Jesus direkt an.
Thomas hatte gezweifelt. Der Auferstandene fordert ihn auf, seine Hand in die Seitenwunde zu legen. Thomas antwortet mit diesen fünf Wörtern — und Jesus weist ihn nicht zurecht.
So wird er gegen Sie eingesetzt#
Der Christ: Ein Jünger nennt Jesus „mein Gott", ins Gesicht. Und Jesus korrigiert ihn nicht — er lobt ihn sogar: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt." Hätte Thomas etwas Falsches gesagt, wäre das der Moment gewesen, es richtigzustellen.
Der Zug ist stark, weil er zwei Dinge zugleich hat: eine Anrede und ein Schweigen.
Was darauf zu sagen ist#
Drei Antworten sind im Umlauf. Die dritte ist die belastbarste; die ersten beiden sollten Sie kennen, aber vorsichtig führen.
(a) Ein Ausruf, keine Aussage
Sie: Wenn ein Mensch, den wir begraben haben, plötzlich vor mir steht und ich im Schock rufe „mein Herr und mein Gott" — dann meine ich nicht ihn. Dann preise ich Gott.
Schwach, weil der Text ausdrücklich sagt: Thomas sagte es zu ihm.
(b) Die Aufteilung — mit einem guten Beleg
Sie: Möglich ist, dass Thomas „mein Herr" zu Jesus sagt und „mein Gott" zum Vater. Fast alle Paulusbriefe beginnen mit genau dieser Zweiteilung: Gott, unser Vater — und Jesus Christus, unser Herr. Die frühe Formel lautete: Vater = Gott, Jesus = Herr.
Der Beleg ist echt und nachprüfbar (Röm 1,7; 1 Kor 1,3; Phil 1,2 und weitere). Die Deutung selbst bleibt eine Möglichkeit, kein Nachweis.
(c) Der Titel ist nicht ausschließlich — der tragende Zug
Sie: Kyrios, „Herr", hat im Griechischen mehrere Bedeutungen — der Sklave sagt es zu seinem Herrn, der Arbeiter zu seinem Arbeitgeber, der Schüler zum Lehrer. Und für „Gott" gilt dasselbe: Mose wird in Exodus 7,1 Elohim genannt. In 2 Korinther 4,4 heißt sogar der Satan „der Gott dieser Welt" — und den betet niemand an.
Der Punkt ist nicht, dass Thomas etwas Falsches sagte. Der Punkt ist, dass diese Titel in der Bibel auch von anderen gebraucht werden, ohne dass jemand daraus Gottheit ableitet. Wer Joh 20,28 als Beweis führt, muss erklären, warum der Titel hier ausschließlich gemeint ist und in Exodus 7,1 nicht.
Wie stark das trägt#
◐ Unentschieden — und zwar ehrlich.
Gegen Sie steht, dass Thomas ihn direkt anspricht und Jesus zustimmend antwortet. Das lässt sich nicht wegerklären, und Sie sollten es auch nicht versuchen.
Für Sie steht, dass der Titel anderswo nicht ausschließlich ist — und eine Frage, die in beide Richtungen schneidet: Warum steht diese gewaltige Aussage nur hier? Wenn ein Jünger den Auferstandenen als Gott bekennt, wäre das der Satz, den die anderen Evangelien nicht auslassen könnten. Sie haben ihn nicht.
Führen Sie die Stelle deshalb nicht als Sieg, sondern als offene Frage. Wer hier behauptet, die Sache sei klar, hat den Vers nicht gelesen.
Verwandte Stellen#
| Stelle | Wozu |
|---|---|
| Johannes 1,1 | die stärkere Parallelstelle |
| Johannes 20,17 | wenige Verse davor: „zu meinem Gott und eurem Gott" |
| Johannes 17,3 | die Gegenrichtung im selben Evangelium |
| Exodus 7,1 | Mose heißt Elohim — der Vergleichsfall |
Tiefer: Stufe 8 — Die Verse gegen Sie · Kyrios · Schaliach