Jesus & die Trinität Nachschlagewerk

Wer war Jesus?

Was sagt der Islam positiv über Jesus — und wo genau liegt der Unterschied zum Christentum?

Bevor gestritten wird, sollte man wissen, worüber man sich einig ist. Das ist bei diesem Thema überraschend viel — und es ist der beste Einstieg in jedes Gespräch.


1. Was der Islam über Jesus bejaht#

Der Korpus zählt es an mehreren Stellen auf (Video 54 [10:42], Video 45 [17:09], Video 33):

Islamische Position
Existenz Jesus (ʿĪsā ibn Maryam) hat wirklich gelebt
Jungfrauengeburt ja — "geboren durch Maria ohne die Berührung eines Mannes"
Messias ja — al-Masīḥ ist ein koranischer Titel Jesu
Wunder ja — Tote erwecken, Blinde und Aussätzige heilen · aber mit Gottes Erlaubnis (Sure 3,49)
Offenbarung ja — er empfing das Indschīl (Evangelium)
Sündlosigkeit ja — wie alle Propheten
Rang "einer der mächtigsten und großartigsten Propheten, der je einen Fuß auf diese Erde gesetzt hat"
Maria hochgeachtet — ein ganzes Koran-Kapitel trägt ihren Namen (Sure 19)
Wiederkunft ja — Jesus wird wiederkommen

Es gibt im Koran ein eigenes Kapitel über Maria (Sure 19) — kein Kapitel trägt den Namen Muhammads Mutter. Das wird im Korpus regelmäßig als Zeichen der Hochachtung angeführt (Video 83 [02:25]).

2. Was der Islam verneint#

Jesus ist Gott nein
Jesus ist "Sohn Gottes" im wesenhaften Sinn nein → F05 — Was bedeutet 'Sohn Gottes'?
Jesus wurde gekreuzigt nein → F07 — Wurde Jesus gekreuzigt?
Jesus starb für die Sünden der Menschen nein → F08 — Warum braucht es kein Sühnopfer?

Das ist die vollständige Liste der Differenzen. Der Korpus formuliert das selbst so (Video 16 [03:38]):

"Das Einzige, was uns religiös trennt, ist die Trinität, dass Jesus Gott ist, und dass Jesus nicht gekreuzigt wurde. Wenn diese drei Dinge der Fall sind, dann gibt es zwischen Christentum und Islam eigentlich nichts, was man als Dissens bezeichnen würde."


3. Die Haltungsformel#

Der Satz, der die gesamte islamische Christologie in zwei Zeilen fasst (Video 33 [13:45]):

"Es geht nicht darum, dass wir Jesus kleinreden wollen. Wir wollen ihn nicht erhöhen zu einer Position, die er von sich selbst nie in Anspruch genommen hat. Ebenso wollen wir ihn nicht erniedrigen, indem wir sagen, er war kein Prophet."

Und die Fairness-Analogie, die daraus folgt (Video 48 [05:14], zitierfähig):

"Du bist Ethnologe. Stell dir vor, ich komme zu dir und sage: 'Nein, du bist kein Ethnologe.' Oder andersherum: du bist kein Ethnologe, und ich komme und sage: 'Doch, du bist Ethnologe.' Wäre das gerecht?"

"Ich möchte sehen, wo Jesus von sich aus behauptet, Gott zu sein. Weil es unfair ihm gegenüber wäre, zu sagen, er ist Gott — obwohl er das von sich nie behauptet hat."


4. Jesus im Koran: seine eigene Selbstaussage#

Der Korpus zitiert am häufigsten Sure 19,30-36 (Maryam) — Jesus spricht in der Wiege (Video 40 [33:17]):

"Ich bin wahrlich Allahs Diener. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Und gesegnet hat er mich, wo immer ich bin, und angeordnet hat er mir, das Gebet zu verrichten und die Abgabe zu entrichten, solange ich lebe — und gütig gegen meine Mutter zu sein. Und er hat mich weder gewalttätig noch unglücklich gemacht. Und der Friede sei auf mir am Tag, da ich geboren wurde, und am Tag, da ich sterbe, und am Tag, da ich wieder zum Leben auferweckt werde."

"Das ist ʿĪsā, der Sohn Marias — das Wort der Wahrheit, woran sie zweifeln." (19,34)

"Es steht Allah nicht an, sich ein Kind zu nehmen. Preis sei ihm!" (19,35)

"Und gewiss, Allah ist mein Herr und euer Herr, so dient ihm. Das ist ein gerader Weg." (19,36)

Die zweite Kernstelle ist Sure 5,75 (Video 51 [00:27]):

"Der Messias, der Sohn Marias, war nur ein Gesandter … und seine Mutter war eine Wahrhaftige. Beide pflegten Speisen zu sich zu nehmen."

"Ein bezaubernder Vers … Wenn wir sagen, dass Jesus Gott ist, dann muss man akzeptieren, dass Gott Speise zu sich genommen hat. Und wer Speise zu sich nimmt, ist abhängig."


5. Jesus im Neuen Testament: seine eigene Selbstbeschreibung#

Der Korpus arbeitet durchgehend mit den Worten Jesu selbst, nicht mit den Deutungen späterer Autoren. Die vier Kernstellen:

Stelle Wortlaut Folgerung
Joh 5,30 "Ich kann von mir selbst nichts tun … ich bin nicht gekommen für meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat" keine eigene Vollmacht; er nennt sich Gesandten
Joh 14,28 "Der Vater ist größer als ich" Unterordnung
Joh 17,3 "dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen — und Jesus Christus, den du gesandt hast" Exklusivität beim Vater, Jesus daneben als Gesandter
Mk 10,18 "Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein" er weist die Zuschreibung von sich weg

Die rhetorische Schlüsselfrage dazu (Video 03 [05:14]):

"Wäre es nicht fairer, Jesus so zu bezeichnen, wie er sich selbst bezeichnet hat — nämlich als Gesandter Gottes?"

Die Eigenschaftsprüfung im Einzelnen: F04 — Ist Jesus Gott?.


6. Was ein Prophet ist#

Wichtig, weil das Wort im Deutschen oft mit "Wahrsager" verwechselt wird (Video 03 [01:47]):

"Ein Prophet ist nicht primär jemand, der Prophezeiungen macht, sondern jemand, zu dem Gott spricht; er verkündet, was Gott sagt, und die Menschen folgen ihm oder verneinen ihn."

Kette: Adam → Noah → Abraham → Moses → Jesus → Muhammad. Jesus ist "ein Prophet in der Kette von vielen" — mit einem besonderen Rang, aber ohne Bruch der Reihe.

Und die Begründung, warum es Propheten überhaupt braucht:

"Sonst sind wir ja nur kopflose Hühner, die herumlaufen und nicht wissen, wie wir ein gottgefälliges Leben führen können."


7. "Jesus ist Muslim" — was damit gemeint ist#

Ein Satz, der oft als Provokation ankommt, aber eine präzise sprachliche Behauptung ist (Video 54 [13:44]):

"Der Begriff Muslim bedeutet jemand, der sich dem Willen Gottes unterwirft. Und Jesus hat sich von sich aus dem Willen Gottes unterworfen. … Wenn man [Joh 5,30] ins Arabische übersetzen würde, würde er sagen: ich bin Muslim."

Und weiter gefasst (Video 07 [16:07], Video 11):

"Den Katholizismus gab es nicht zur Zeit von Moses und Abraham. Wir glauben, den Islam gab es zu jener Zeit schon … Die Hingabe an Gott — damit sind alle Propheten gekommen. Moses ist Muslim."

Gegenposition — und sie ist berechtigt. Der katholische Theologiestudent kontert scharf (Video 07 [16:57]):

"Dann kann ich mich auch verstecken und sagen, katholisch heißt allumfassend."

Der Einwand: Ein Wort in seiner etymologischen Bedeutung zu verwenden und daraus einen Anspruch auf die historische Institution abzuleiten, ist ein Etikettenwechsel. Wer sagt "Jesus war Muslim", meint sprachlich "gottergeben" — der Hörer versteht "Anhänger der Religion, die im 7. Jahrhundert entstand". Die Wiki empfiehlt: Den Gedanken vortragen, aber das Wort erklären, bevor man es benutzt. Sonst blockiert es das Gespräch, statt es zu öffnen.


8. Jesu Mission war begrenzt#

Ein Argument, das man leicht selbst nachprüfen kann (Video 24 [17:23]):

"Er sagt selber: ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt 15,24). Und an einer anderen Stelle sagt er zu seinen Jüngern: geht nicht zu den Heiden (Mt 10,5-6) — weil das nicht seine Mission war."

Die Konsequenz, die daraus gezogen wird: Der universale Anspruch des Christentums geht auf Paulus zurück, nicht auf Jesus.

Gegenposition: Der Missionsbefehl Mt 28,19 ("Machet zu Jüngern alle Völker") ist ein Wort des Auferstandenen und hebt die vorösterliche Begrenzung ausdrücklich auf. Der Korpus behandelt Mt 28,19 an keiner Stelle. Das ist eine echte Lücke.Offene Baustellen


9. Die Wiederkunft — im Islam anders als im Christentum#

(Video 07 [07:05])

"Wir glauben, dass er in seiner Parusie noch mal kommen wird und diesmal für Gerechtigkeit sorgen wird — und klarstellen wird, dass er nicht Gott ist."

Und die entscheidende Unterscheidung: "Er wird nicht die Toten richten, sondern die Lebenden richten. Das Richten wird hier auf der Erde sein, nicht im Jenseits."

Als biblische Stütze wird 1 Kor 15,24-28 angeführt: Der Sohn übergibt am Ende die Herrschaft dem Vater, "damit Gott alles in allem sei" — also eine bleibende Unterordnung.

Einwand des Katholiken [09:12] (unbeantwortet): "Ein gerechter Richter kann er nur aus unendlicher Perspektive sein, und das kann ein Mensch nicht fassen." Die Antwort — "Gott offenbart ihm, was richtig ist" — verschiebt das Problem, löst es nicht.


10. Der beste Gesprächseinstieg#

Aus Video 79 [00:04] — methodisch der beste Einstieg im ganzen Korpus, weil er nicht angreift, sondern trennt:

"Was glauben Sie — nicht, was die Kirche Ihnen predigt, sondern was Sie glauben?"

"Glauben Sie, dass Gott Mensch wird? Mensch wie wir, Fleisch, der essen und auf die Toilette muss?"

Der Gesprächspartner — ein ehemaliger Ministrant — verneint und sagt, Jesus sei "überirdisch". Damit ist offengelegt, dass viele Christen faktisch keine Inkarnation im vollen dogmatischen Sinn glauben, sondern etwas Vageres.

Und der ebenso gute zweite Einstieg (Video 54 [12:53]) — erst die Gemeinsamkeit, dann die Differenz:

"Wir glauben an die Geburt [durch die Jungfrau]. Da sind wir uns mit Christen einig … diese Parallelen sind da. Aber was wir sagen ist: Es kann dennoch nur eine Wahrheit geben."


Weiter#

Die Eigenschaftsprüfung im Detail F04 — Ist Jesus Gott?
Der Titel "Sohn Gottes" F05 — Was bedeutet 'Sohn Gottes'?
Die Kreuzigungsfrage F07 — Wurde Jesus gekreuzigt?
Alle Argumente zur Person Jesu A3 — Die Person Jesu: Eigenschaften, Titel, Rolle
Die christliche Christologie, fair dargestellt Die christliche Gegenposition